Wenige Wochen später. Mary verbringt die meiste Zeit in der Informatik-Bibliothek in Garching mit Cyber-Security-Literatur, Gruppenarbeit und zu wenig Schlaf. Nicht so an diesem Samstag, als sie durch den Englischen Garten radelt. Die Luft riecht nach feuchtem Laub. Sie denkt an den weißen Zwerg im Planetarium – eine gefühlte Ewigkeit ist’s her.
Kurz danach erreicht sie die kleine Schrebergartensiedlung bei St. Emmeram. Hier, eingehegt zwischen Isar und Studentenstadt, liegen zwanzig kleine Parzellen. Die meisten Gärten sind akkurat angelegt: gerade Wege, ordentliche Beete. Nur einige wenige wirken etwas verwildert, als hätte die Natur sie zurückerobert.
Opa Manfreds Garten befindet sich am Ende der Siedlung. Ein schmaler Kiesweg führt zum Eingang, an dem ein handbemaltes Schild aus Eichenholz hängt: »Fischer & Enkelin: Honig & Wetterdaten.« Es gibt eine Klingel, damit Spaziergänger läuten und Bienenhonig kaufen können.
Mary schiebt ihr Fahrrad durch das Tor. Sofort erfasst sie diese besondere Stille. Nur das leise Summen der Bienen ist zu hören – und das Rauschen der Isar, die unter der St.-Emmeram-Brücke hindurchfließt.
Der Garten ist nicht besonders groß. Links stehen drei Hochbeete, im Herbst abgeerntet, die Erde mit Mulch bedeckt. Dazwischen blühen noch ein paar späte Astern – rosa, weiße und violette Tupfer im verblassenden Grün. Rechts Manfreds Imkerei, ein kleines Holzhäuschen mit schmaler Terrasse. Ganz hinten, unter einer alten Linde: fünf braune Bienenstöcke mit weißen Deckeln, die die Sonnenstrahlen reflektieren sollen. Daneben die Wetterstation, die Manfred mit Mary gemeinsam entwickelt und gebaut hat.
Mary lehnt ihr Fahrrad an den Zaun. Die Bienen fliegen träge ein und aus, beladen mit den letzten Pollen des Jahres. Manche tragen winzige gelbe Pakete an ihren Hinterbeinen. Es sind die Pollenhöschen, gefüllt mit Blütenstaub von den letzten Herbstblumen.
»Da bist du ja schon.«
Manfred tritt aus dem Häuschen. Er trägt seine übliche Arbeitskleidung: eine abgetragene Cordhose, ein kariertes Flanellhemd, darüber eine warme Strickjacke. Er war gerade dabei, den Smoker vorzubereiten.
»Hallo, Opa.« Mary umarmt ihn. Er riecht nach Holz, Rauch und einer Spur Bienenwachs.
»Wie war die Woche?«, fragt Manfred und stellt den Smoker auf den Tisch.
»Lang«, antwortet Mary. »Viele Projekte und zu wenig Schlaf, das Übliche.«
Manfred betrachtet sie mit seinem ruhigen Blick. »Du siehst müde aus.«
»Bin ich auch, Opa.«
»Dann bist du hier richtig.« Er deutet auf die Bienenstöcke. »Wie du weißt, haben die Bienen keine Ahnung von Projekten oder Noten. Und das ist sehr klug.«
Mary lächelt.
Manfred holt zwei Imkeranzüge aus der Werkstatt. Einen für sich, einen für Mary. Der weiße Stoff raschelt, als Mary ihn geübt anzieht.
»Heute schauen wir nach dem zweiten Stock«, sagt Manfred und greift nach dem Smoker. »Die Königin hat letzten Monat gut gearbeitet, aber wir prüfen die Vorräte zur Sicherheit. Der Winter kommt.«
Mary nickt. Sie kennt das Ritual.
Sie bleiben einen Meter vor dem Bienenstock stehen. Manfred gibt drei kurze Stöße Rauch in die Fluglöcher. Die Bienen reagieren. Das Summen wird lauter, intensiver, aber nicht aggressiv. Der Rauch täuscht einen Waldbrand vor. Es ist anzunehmen, dass sie dort Honig fressen und eine mögliche Flucht vorbereiten.
»Warte«, sagt Manfred leise. »Gib ihnen Zeit.«
Mary beobachtet die Bienen. Manche landen jetzt auf ihrem Anzug, krabbeln über den Stoff, fliegen wieder weg. Sie hat keine Angst. Das hat Opa ihr beigebracht: Respekt ja, Angst nein.
Nach einer Minute hebt Manfred vorsichtig den Deckel des Stocks ab. Darunter liegen die Rähmchen. Es sind Holzrahmen mit Waben, in denen die Bienen leben, Honig lagern und ihre Brut aufziehen.
»Schau«, flüstert Manfred und zieht eines der Rähmchen heraus.
Mary tritt näher. Die Wabe ist fast vollständig mit verdeckelten Zellen gefüllt: ein gleichmäßiges Muster aus goldgelbem Wachs. Hunderte Bienen krabbeln darüber in dieser seltsamen, koordinierten Choreografie.
Wie lebendige Algorithmen.
»Gut gefüllt«, sagt Manfred zufrieden. »Siehst du die dunklen Zellen? Das ist Pollen, Eiweißquelle für die Brut. Ohne Pollen keine neuen Arbeiterinnen.«
»Woher holen sie den Pollen aktuell?«
»Im Herbst sind es andere Quellen als im Frühling.« Manfred setzt das Rähmchen ab und deutet auf den Garten. »Die Astern da drüben. Unsere Linde. Die Weiden an der Isar und am Kleinhesseloher See. Jede Blüte kann eine Tankstelle sein.«
Mary beugt sich vor. Tatsächlich sind manche Pollenzellen hellgelb, andere orange, wieder andere fast weiß. »Wie ein Farbcode«, sagt sie. »Abhängig von der DNA der Pflanzen.«
»Genau, jede Farbe erzählt eine Geschichte – welche Pflanzen blühen und ob das Ökosystem gesund ist.«
Mary schaut auf die Wabe. »Ökosystem. Was bedeutet das?«
Manfred setzt das Rähmchen vorsichtig zurück und schließt den Stock. »Eine gute Frage, Mary. Das besprechen wir ein andermal. Komm, machen wir uns los.«
Einmal im Monat machen Manfred und Mary einen gemeinsamen Ausflug. Sie schnappen sich die Räder und fahren in Richtung Altstadt.
»Große Vorfreude, Mary«, ruft Manfred über die Schulter, »heute zeigen sie im Deutschen Museum die Gewinner des Deutschen Zukunftspreises.«
Mary stutzt. »Deutscher Zukunftspreis? Das klingt wie ein Widerspruch bei der aktuellen Stimmung, findest du nicht, Opa?«
»Oder wie Hoffnung«, antwortet er und tritt fester in die Pedale.
Vor dem Museum fängt es an zu nieseln. Um die Kasse drängen sich voller Ungeduld und Neugier mehrere Familien und eine Schulklasse. Nach fünfzehn Minuten haben Mary und Manfred ihre Tickets und passieren den Eingang.
Sie gehen am Auditorium vorbei. Kinderlachen hallt von der gegenüberliegenden Seite herüber, wo eine Schulklasse mit einer 3D-Animation interagiert. Mary und Manfred nehmen die erste Treppe zur Galerie. Die Ausstellung besteht aus zehn Modulen. Doch ein Exponat zieht Mary sofort an. Hinter einer Glasvitrine steht ein kleiner Bioreaktor, der kaum größer ist als ein Kochtopf. Darüber ein stilisierter Blitz und zwei Worte: Project Lightspeed.
Mary tritt näher und beginnt zu lesen.
Am 12. Januar 2020 saßen Uğur Şahin und Özlem Türeci beim Frühstück und lasen einen Artikel im Fachmagazin The Lancet von einem neuartigen Virus in der chinesischen Provinz Hubei.
»Opa, schau mal.« Sie deutet auf die Vitrine. »Das ist der Bioreaktor, in dem die allererste Charge des mRNA-Impfstoffs hergestellt wurde.«
Manfred beugt sich vor, seine Lesebrille rutscht auf die Nasenspitze. »BioNTech. Mainz.« Er nickt langsam. »Die beiden haben jahrzehntelang an dieser Technologie geforscht. Synthetische Boten-RNA. Ursprünglich für die Krebstherapie gedacht.«
»Und dann kam Corona.«
»Ja«, sagt Manfred leise. »Und plötzlich war die Technologie, die vorher kaum jemand ernst genommen hatte, eine der wichtigsten der Welt.«
Mary liest weiter. Ihre Augen bleiben an einer Zahl hängen.
»Elf Monate«, flüstert sie. »Von der Idee bis zur Zulassung. Elf Monate für etwas, das normalerweise zehn bis fünfzehn Jahre dauert.«
Manfred rückt dichter an Mary heran und beginnt den Abschnitt über Katalin Karikó zu lesen. Die Forscherin, die Ende der 1980er-Jahre begonnen hatte, den entscheidenden Baustein der synthetischen RNA zu erforschen. Dreißig Jahre Grundlagenforschung. Kaum Fördergelder. Kaum Anerkennung.
Mary starrt auf den kleinen Bioreaktor hinter dem Glas. Ein ganz unscheinbares Gerät.
»Weißt du, was mich am meisten beeindruckt?«, sagt Mary.
Manfred schaut sie fragend an.
»Die Disziplin. Frau Karikó hat dreißig Jahre lang an etwas gearbeitet, das niemand finanzieren wollte.«
Manfred schweigt einen Moment. Dann sagt er: »Dreißig Jahre, Mary. Das ist kein Scheitern, sondern Geduld und Glaube daran, das Richtige zu tun.«
Mary geht weiter zum nächsten Modul. Eine dreidimensionale Animation scheint hier im Raum zu schweben: pulsierende Partikel, erst chaotisch, dann fließend. Wie ein Organismus, der sich selbst reorganisiert.
»Process Mining«, liest Mary. »Celonis. Gegründet 2011 in München.«
Sie tippt auf den Bildschirm. Eine einzige Flugverspätung bringt Anschlussflüge, Gepäck und Bodenpersonal durcheinander. Schritt für Schritt erkennt die Software relevante Muster und schlägt Lösungen vor. In Echtzeit.
Unter den Fotos stehen die Namen der Gründer: Alexander Rinke, Martin Klenk und Bastian Nominacher. Drei Studenten aus München.
Manfred legt ihr die Hand auf die Schulter. »Jeder fängt mal klein an. Komm, wir gehen weiter.«
Im Erdgeschoss gelangen sie in die Robotik-Ausstellung. Mary bleibt stehen. Boden, Decke und Wände sind weiß. Wie ein Labor, das zum Leben erwacht ist. Sie sieht Therapieroboter, Saugroboter, Lieferdrohnen und einen Heavy-Metal-Roboter mit einer E-Gitarre.
In der Mitte des Raumes: ein Humanoid mit freundlichem Gesicht, der Blickkontakt hält. Mary kennt ihn aus dem MakerSpace, der Münchner High-Tech-Prototypenwerkstatt. »Opa, das ist Robody. Rafael hat den mit seinem Team gebaut.«
Aber Manfred ist schon weiter. »Komm, schau dir das an.«
Ein Känguru aus Karbon. Ein Meter groß, sieben Kilo leicht. Bei jeder Landung speichert eine elastische Sehne die Energie und gibt sie beim nächsten Sprung wieder frei.
Dann hebt Mary den Blick zur Decke.
Über ihnen schwebt eine Libelle. Aus Karbon, Getrieben und Elektromotoren. 63 Zentimeter Spannweite, 175 Gramm. Vier Flügel, die sich unabhängig voneinander bewegen. Die Libelle fliegt vorwärts, rückwärts, seitwärts, schwebt auf der Stelle und segelt dann lautlos über ihre Köpfe hinweg.
»BionicOpter«, flüstert Manfred. »Die kann mehr als jeder Helikopter.«
Sie stehen nebeneinander und bestaunen die Libelle.
»Opa«, sagt Mary leise, »wenn das heute schon im Museum steht, welche Roboter sehen wir dann in Zukunft?«
Manfred schweigt und lässt die Frage im Raum nachhallen.
Dann erklingt ein Gong: »Die Sondervorführung ›Mut Machen‹ beginnt in fünf Minuten.«
Manfred lächelt. »Hast du Lust aufs Auditorium, Mary? Ich möchte mich setzen.«
»Klar, Opa.« Sie setzen sich in Bewegung.
Rund fünfzig Zuschauer warten bereits in den ansteigenden Reihen. Darunter zwei Schulklassen, Familien und ein paar Rentner. Mary und Manfred finden in der sechsten Reihe einen Platz.
Eine Frau betritt die Bühne. Kurze braune Haare, runde Brille und energischer Auftritt. »Herzlich willkommen in unserer Sondervorstellung ›Mut Machen‹. Ich heiße Dr. Ursula Müller, bin Klimaforscherin und darf Sie heute begleiten.«
Auf der Leinwand erscheint die erste Szene. Satellitenbilder werden eingeblendet: ein blau-weißes Oval über der Antarktis, das sich langsam schließt.
»Wir beginnen mit einem historischen Sieg der Menschheit: dem Montreal-Protokoll«, sagt Dr. Müller. Ihre Stimme ist überzeugt. »1987 unterzeichneten 197 Staaten ein beispielloses Abkommen mit dem Ziel, das Ozonloch zu schließen. FCKW wurde verboten und das Kühlmittel ersetzt. Das Ergebnis? Bis 2070 wird sich die Ozonschicht größtenteils regeneriert haben.«
Mary dreht sich zu Manfred und flüstert: »Also die ganze Welt hat wissenschaftliche Fakten anerkannt und an einem Strang gezogen?«
»Ja«, sagt er leise. »Das war lange vor der Regierung Trump.«
Auf der Leinwand wechselt das Bild und eine riesige Erdkugel erscheint. Im Zeitraffer wechselt die Projektion: Urknall, Kontinente, Eiszeiten, Wälder, Städte, Straßen, Metropolregionen. Ein niemals endender Wandel. Dann flammen rote Punkte auf, einer nach dem anderen, bis der Planet glüht.
»51 Milliarden Tonnen Treibhausgase pro Jahr«, sagt Dr. Müller. »Tendenz steigend. Null ist das Ziel. Um es zu erreichen, müssen wir die Wirtschaft komplett umbauen. Ein Risiko und eine Chance für Innovationen.«
Sie erinnert sich an ihre letzte Flugreise nach Australien. Ihr Magen zieht sich zusammen. In diesem Moment vibriert ihr Handy.
Eine E-Mail:
Betreff: Weiterleitung – Einladung MSC Start-up-Hub
Hallo Frau Fischer, die TUM Venture Labs suchen Studierende mit Bezug zu Cybersecurity und autonomen Systemen für den ersten MSC Start-up-Hub am 14. Februar in der IHK München. Ich habe mir erlaubt, Ihren Namen weiterzugeben – Ihre Projektarbeit war eine der besten im Semester. Anbei die Einladung. Teilnahme ist freiwillig, aber ich würde es empfehlen. Mit besten Grüßen, Prof. Schmidthuber
Start-up-Hub, Nicht jetzt, denkt sie.
Mary aktiviert den Flugmodus, steckt das Handy zurück in die Tasche und atmet einmal tief durch.
Die Leinwand zeigt nun ein Industriegelände im Wandel: Kräne, Pipelines und Windräder.
»Ein Drittel der Emissionen kommt aus der Industrie: Zement, Stahl und Plastik.« Sie deutet auf das Bild. »Hamburg-Moorburg. Hier spaltet Windkraft Wasser, grüner Wasserstoff entsteht. Das Element für die Industrie von morgen.«
»War das früher ein Kohlekraftwerk?«, fragt Manfred – energisch genug, dass Dr. Müller direkt reagiert.
Sie nickt. »Ja, richtig.«
Mary hebt die Hand. »Aber ist das nicht zu teuer?«
Dr. Müller wendet sich ihr zu. »Berechtigte Frage. Technisch funktioniert es, jetzt braucht es politischen Willen und mutige Investitionen. Als die erste Eisenbahn fuhr, hatten die Leute Angst. Es gab kein Schienennetz. Hamburg zeigt, dass die Wasserstoffwirtschaft möglich ist. Die Frage ist, ob wir den Mut haben, auf den Zug aufzuspringen.«
Mary lehnt sich zurück.
Dann blaues Wasser so weit das Auge reicht. Die Kamera zoomt näher. Und näher. Bis die Oberfläche nicht mehr blau, sondern bunt ist. Überall Plastik. Marys Augen weiten sich.
»Der Great Pacific Garbage Patch«, sagt Dr. Müller. »Eine schwimmende Müllinsel, die größer als Deutschland ist.«
Auf der Leinwand erscheint ein junger Mann, kaum älter als die Oberstufenschüler in der ersten Reihe. Er steht vor einer riesigen schwimmenden Barriere.
»Boyan Slat sah beim Tauchen mehr Plastik als Fische. The Ocean Cleanup startete 2013, da war Boyan Slat gerade 18 Jahre alt.«
Manche in der Gruppe applaudieren. Ein paar Schüler pfeifen begeistert.
Ein Teenager macht die Ozeane sauber. Mit 18. Und was mache ich?, fragt sich Mary.
Sie ist neugierig auf das nächste Thema. Mächtige Eruptionen flackern jetzt über eine pulsierende, orangerote Oberfläche. Der Bass aus den Lautsprechern vibriert in Marys Brustkorb.
Nicht schon wieder. Mary schwant etwas und sie erinnert sich an ihren Besuch im Planetarium.
Aber dieses Mal ist es anders.
»Kernfusion«, erklärt Dr. Müller. Ihre Stimme wird energischer. »Die Energie der Sonne, hier auf der Erde.« Ein CAD-Modell wird eingeblendet. Zu sehen ist eine riesige Maschine, die Magnetfelder erzeugt und Plasmaschleifen bändigt. »150 Millionen Grad heiß ist es in so einem Fusionsreaktor. In Frankreich entsteht mit ITER der fortschrittlichste der Welt. Und Start-ups wie Proxima, Gauss und Marvel Fusion haben Hunderte Millionen Euro eingesammelt, um einen marktreifen Fusionsreaktor zu entwickeln.«
»Das ist doch zukunftsferne Träumerei!«, ruft ein älterer Herr aus der hinteren Reihe.
Dr. Müller nimmt sich des Zwischenrufs an. »Ja, das dachten unsere Vorfahren über KI, Raketen, Satelliten und Atomkraftwerke bestimmt auch.« Kurze Pause. »Fusion ist ein Projekt, an dem viele zweifeln. Bis ein Team kommt, welches das nicht wusste – und es macht.«
Mary blickt zur Decke. Genau wie BioNTech, schießt es ihr durch den Kopf.
Der Regen prasselt jetzt stärker auf das geschwungene Glasdach, das sich über dem Auditorium aufspannt.
Vielleicht ist Kernfusion das nächste Montreal-Protokoll. Ein globales Bündnis der Physik. Und ich könnte ein Teilchen davon sein.
In der nächsten Szene verschwindet der brasilianische Regenwald. Stattdessen breiten sich Soja- und Rinderfarmen aus.
»Landwirtschaft steht für ein Fünftel der Emissionen«, sagt Dr. Müller. »Hier sehen Sie Greenforce, ein Münchner Unternehmen, das 2020 von Thomas Isermann gegründet wurde. Die Idee: Fleischersatz aus Pflanzen. Burger und Schnitzel, nur ohne Kühlkette und mit weniger Ressourcenverbrauch.«
Aus der Museumsküche kommen zwei Rollwagen. Kurz darauf gehen kleine Probierschälchen durch die Reihen.
»Probieren Sie es selbst«, sagt Dr. Müller und lächelt.
Mary nimmt ein Stück. Kaut. Kaut langsamer.
»Das schmeckt … und knackt wie Currywurst«, sagt sie zu Manfred. »Ich bin verwirrt. Und leicht beunruhigt.«
Manfred, der dankend abgelehnt hat, schaut sie fragend an. »Warum beunruhigt?«
»Weil ich nicht weiß, ob das bedeutet, dass die vegane Wurst tatsächlich gut ist, oder ob echte Currywurst schon immer mittelmäßig war.«
Pause. Sie nimmt noch einen Bissen.
»Opa, ich glaube, ich stelle gerade meine Identität als Bayerin infrage. Wegen einer Wurst. Oder darf man das überhaupt Wurst nennen?«
Manfred lacht. »Ja, eine schwere Identitätskrise, Mary.«
Der Gong ertönt ein weiteres Mal und die Leinwand verdunkelt sich. Dann sind Vogelstimmen und das Plätschern eines Baches zu hören.
Dr. Müller tritt an den Bühnenrand. Ihre Stimme ist jetzt nachdenklich.
»Zum Schluss möchte ich eine persönliche Geschichte mit Ihnen teilen. Was wir aus unserem Leben machen, ist immer unsere eigene Entscheidung. Ergibt unsere Arbeit einen Sinn? Welche Werte leben wir?«
Auf der Leinwand erscheint ein kahles Tal. Verbrannt. Vertrocknet. Leblos.
»Vor zwanzig Jahren sah dieses Tal genauso aus. Dann begann das Ehepaar Sebastião und Lélia Salgado drei Millionen Bäume zu pflanzen.«
Mary zieht die Augenbrauen zusammen. Warum zeigt sie uns das?
Dr. Müller hält inne. Schaut in Marys Richtung, als hätte sie ihre Gedanken gelesen.
»Ich war 2019 vor Ort.« Stille im Auditorium. »Das hat mich verändert.« Sie macht einen Schritt nach vorne. »Ich hatte einen sicheren Job, bekam ein gutes Gehalt und machte Karriere. Aber ich habe gekündigt, denn meine Arbeit erschien mir sinnlos. Also folgte ich meinem Herzen und ging nach Brasilien.«
Mary richtet sich auf. Der Satz sitzt.
»Als Wissenschaftlerin analysiere ich Daten«, fährt Dr. Müller fort. »Aber als Mensch brauche ich Hoffnung wie die Luft zum Atmen.«
Ein Foto, das vor einem Jahr aufgenommen wurde, wird im Hintergrund eingeblendet. Es zeigt dasselbe Tal. Aber jetzt mit dichtem Regenwald.
»Heute leben hier über 290 Pflanzenarten, 170 Vogelarten und Dutzende Säugetiere. Die Wasserquellen fließen wieder, das Mikroklima hat sich abgekühlt. Die Menschen haben neue Arbeit gefunden. Sebastião und Lélia zeigen, dass Wandel möglich ist, wenn wir handeln. Baum für Baum. Wie entscheidest du?«
Dr. Müller tritt einen Schritt zurück und verneigt sich leicht. »Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Aufmerksamkeit.«
Das Licht geht an. Applaus. Erst vereinzelt, dann kräftig. Die Schülerinnen und Schüler klatschen am lautesten.
Mary ist still. Sie klatscht nicht. Drei Millionen Bäume. Ein Ehepaar. Was könnte eine ganze Generation schaffen?
Manfred legt ihr die Hand auf die Schulter. Er sagt nichts. Muss er auch nicht. Stattdessen schlägt er vor, einen Cappuccino im Museumsrestaurant »Frau im Mond« zu trinken.
Sie bestellen die Getränke am Tresen. Draußen hat der Regen aufgehört. Der Himmel über München zieht auf. Sie gehen auf die luftige Dachterrasse. Von hier sieht man die Türme der St.-Maximilian-Kirche und die Isar, die nach dem Niederschlag aufgewühlt ist.
Mary und Manfred setzen sich auf zwei Barhocker direkt an der Brüstung. Dann sagt sie: »Opa, 51 Milliarden Tonnen Treibhausgase. Und trotzdem haben 197 Länder schon einmal zusammengearbeitet. Das gibt mir Hoffnung.«
Manfred nimmt einen Schluck des warmen Cappuccinos. »Ja, wie meine Bienenvölker. Die passen sich auch an. Oder sie sterben.«
Mary betrachtet die aufgewühlte Isar.
»Technologie könnte uns dabei helfen, unsere Wirtschaft umzubauen. Aber was kann meine Rolle dabei sein?«
Manfred sagt nichts. Er wartet ruhig ab.
In dem Moment erinnert sie sich an die E-Mail.
»Ich habe eine Einladung bekommen, Opa«, sagt sie schließlich. »Zum Start-up-Hub der Sicherheitskonferenz, wegen meiner Projektarbeit.«
»Das ist gut«, sagt Manfred.
»Ist es das?«
Manfred schaut sie an. »Was meinst du?«
Mary schüttelt den Kopf. »Ich arbeite an Cyber-Security. Digitaler Sicherheit. Wichtig, keine Frage. Aber …« Sie macht eine Pause. »Dr. Müller hat ihren sicheren Job aufgegeben. Boyan Slat war 18 und hat angefangen, die Ozeane zu säubern. Und ich? Ich versuche, IT-Systeme zu hacken.«
»Du fragst dich, ob du deine Zeit verschwendest?«
»Ja.«
Manfred nickt.
»Geh zur Konferenz und finde es heraus. Geh nicht, um die Erwartungen anderer zu erfüllen. Beobachte einfach. Es ist eine Ehre.«
Mary nickt und tippt in ihr Handy:
»Sehr geehrter Prof. Schmidthuber,
danke für die Einladung, ich komme gerne zum MSC Start-up-Hub.
Beste Grüße,
Mary Fischer.«
Senden.
»Opa, machst du zum Abschluss ein Bild von mir im Mond?« sagt Mary und stellt sich neben das Kunstwerk, das auf der Dachterrasse steht.
»Ja, los, das Leben ist kurz«, antwortet Manfred und macht das Foto.








