Start-up Nation

von | 25 März, 2026 | Ideation, Neue Gründerzeit

Das zweite Semester läuft. Mary hat die Prüfungen bestanden und ihre Semesterferien mit Opa Manfred im MakerSpace, der offenen High-Tech Werkstatt, verbracht. Opa arbeitet viel in der Holzwerkstatt und am Lasercutter, um die Gehäuse herzustellen. Mary verbringt ihre Zeit in der  Elektronikwerkstatt.

Seit der Frauenkirche ist sie sich sicher, was sie will: Technologie bauen, die Leben bewahrt. Bleibt die Frage wo?

Im MakerSpace arbeitet sie an ihren Wetterstationen, die sie über eBay an Kleingärtner in ganz Deutschland verkauft. Für 200 Euro pro Stück. Die Materialkosten betragen weniger als 30 Euro. Elektronik, Software und Design stammen von Mary. Aber ohne Opas Hilfe würde es nicht gehen. Jede positive Kundenbewertung motiviert sie.

An diesem Wochenende stehen weder das Studium noch der MakerSpace auf Marys Programm. Sie hat andere Pläne. 

Der ICE rollt in den Berliner Hauptbahnhof ein. Die Bremsen zischen. Stahl und Glas: das Tor zur Hauptstadt. Durch die offene Bahnhofshalle sieht Mary die Spree, die das Regierungsviertel durchschneidet. Kräne ragen in den Himmel – ihre Geburtsstadt verwandelt sich. Wieder einmal.

Der Bundesverband Deutsche Start-ups hat zu einer Konferenz eingeladen: »Deutschland auf dem Weg zur Start-up-Nation.« Große Worte. Aber kann Deutschland dieses Versprechen einlösen? 

Neben ihr auf der Rolltreppe steht Katharina. Mit der einen Hand hält sie ihren blauen Trolley-Koffer fest, mit der anderen scrollt sie durch ihr Handy. Sie trägt einen beigen Mantel über ihrem schwarzen Rollkragenpullover – professionell, aber lässig.

»Mary, bist du bereit?«, fragt Katharina.

»So bereit, wie man sein kann«, antwortet Mary.

»Das klingt nicht sehr überzeugend.«

»Stimmt«, gibt Mary verlegen zu.

Katharina schaut Mary an. »In der Hauptstadt werden Entscheidungen getroffen, die uns alle betreffen. Das macht mich neugierig.«

»Und mich ängstlich.«

»Du bist doch hier geboren – das ist ein Heimspiel.«

»Heimspiel«, sagt Mary. »Daheim fühle ich mich bei den Bienen.«

»Dann lass uns fliegen, kleine Biene.«

Sie verlassen den Bahnhof. Die Berliner Luft riecht anders als die Münchner – nach Großstadt und rauem Beton. Sie spazieren über die Moltkebrücke: roter Sandstein, feine Skulpturen. Ein weißes Ausflugsschiff gleitet unter ihnen hindurch. An Deck winken zwei Passagiere. Mary winkt zurück.

Dann gehen sie weiter zum Kanzleramt und am Reichstag vorbei. Jetzt sieht sie ihn vor sich, den Schriftzug: Dem deutschen Volke. Die gläserne Kuppel auf dem Dach hat Mary schon immer fasziniert.

»Von oben kann man direkt in den Bundestag blicken.«

»Gut so«, sagt Katharina. »Dann sehen wir, ob die Politiker was schaffen, oder durch Abwesenheit glänzen.«

Sie gehen am Reichstag vorbei über den Simonsweg bis zum Brandenburger Tor.

»Krass, oder?«, sagt Mary. »Vor nicht allzu langer Zeit stand hier eine Mauer, die Deutschland in zwei Völker trennte. 140 DDR-Bürger sind an der Grenze von ihren eigenen Leuten erschossen worden.«

»Ja, nur weil sie in Freiheit leben wollten«, sagt Katharina. »Heute stehen hier Touristen aus aller Welt und machen Selfies.«

»Und wir gehen zu einer Start-up-Konferenz«, sagt Mary. »Auch irgendwie absurd.«

»Neugierig sein – du musst«, antwortet Katharina und zieht ihre Ohren lang, als wäre sie Meister Yoda.

Mary muss laut lachen, als sie miteinander durch das Brandenburger Tor spazieren.

Der Konferenzbau besteht aus Glas und Beton, ist modern und anonym. Mary und Katharina holen ihre Badges ab. Es fühlt sich für Mary immer noch seltsam an – so offiziell. Aber schlimmer als auf der Sicherheitskonferenz in München kann es nicht werden. Dort ging es um Waffensysteme. Hier geht es um etwas anderes: Aufbau statt Zerstörung.

»Schau mal – mein Ausweis«, sagt Mary zu Katharina. »Nur dass ich keine Ahnung habe, was ich hier mache.«

»Connecten«, sagt Katharina.

»Also zuhören, nicken und so tun, als hätten wir einen Plan.«

»Genau«, lacht Katharina.

LED-Strahler tauchen den Saal in weiches Licht. Es duftet nach frisch gemahlenem Kaffee. Mary und Katharina nehmen in der Mitte Platz. 

Das Event beginnt. Verena Pausder betritt die Bühne. Dunkelblauer Hosenanzug, ein Lächeln, das gleichzeitig warm und entschlossen wirkt. Auf der Leinwand: »Deutscher Start-up Monitor«.

Sie wartet, bis es still wird im Saal.

»Guten Tag«, sagt Verena Pausder, »heute sprechen wir über unsere Zukunft als Start-up-Nation.«

Sie klickt auf die erste Folie.

»Unsere Studie zeigt: Gründerinnen und Gründer ziehen ihre Projekte trotz großer Unsicherheiten durch. Sie glauben an eine Zukunft hier in Deutschland.«

Mary hört zu. Schreibt mit. Ihr Kuli bewegt sich schneller als je zuvor.

»Knapp jedes zweite Start-up arbeitet mit KI«, sagt Verena Pausder. »Allein dieses Jahr: über zwei Milliarden Euro Investment.«

Mary notiert: 2 Mrd. € in KI. Sie starrt auf die Zahl. Das klingt nach viel. Aber ist das genug?

»DeepTech wird immer wichtiger«, fährt Verena Pausder fort. »Von Fusionsenergie bis Quantencomputing. Deutschland hat die Ideen, das Talent und die Technologien. Jetzt brauchen wir Mut und Entschlossenheit.«

Applaus im Saal. 

Katharina steht auf, klatscht enthusiastisch. Mary klatscht mit, bleibt aber sitzen.

Typisch Katharina – stets vorne mit dabei, voller Euphorie.

Nach der Rede drängen sich die Leute zu den Stehtischen.

Mary und Katharina holen sich einen Kaffee.

»Und?«, fragt Katharina. »Was hältst du davon?«

»Beeindruckend«, sagt Mary. »Aber auch … überwältigend.«

»Warum?«

»Weil alle so überzeugt wirken. Als wüssten sie genau, was die Zukunft bringt.«

Katharina schaut verständnisvoll. »Die tun nur so, Mary. Das ist Teil des Spiels.«

Mary trinkt einen Schluck Kaffee. »Glaubst du wirklich, dass Deutschland als Start-up-Nation eine Chance hat?«

Katharina zögert. »Das weiß ich nicht. Aber wir haben eine Chance. Wenn wir anfangen zu machen.«

»Ja, die Welt wurde noch nie besser gemeckert«, sagt Mary.

Katharina lacht. »So ischs.«

Plötzlich wird ihr Gespräch unterbrochen.

»Hey ihr zwei«, sagt eine junge Frau mit einem Klemmbrett unter dem Arm. »Habt ihr spontan Lust auf einen Workshop? Es gibt noch zwei freie Plätze.« 

Katharina schaut Mary kurz an, die mit den Achseln zuckt.

»Kommt darauf an«, sagt Katharina. »Um was geht es?«

»Das Thema ist das Start-up-Ökosystem Deutschland.«

»Warum nicht«, willigt Mary ein.

Sie folgen der Frau in einen Konferenzraum. Es riecht nach Whiteboard-Markern und altem Teppich. Etwa 20 Leute sitzen auf bunten Hockern im Kreis. Ein Moderator steht vorne – Mitte 30, kariertes Hemd, Sneakers.

»Willkommen, die Frage, die uns in diesem Workshop beschäftigt, ist, was brauchen Gründer und Gründerinnen in Deutschland?«

Er verteilt Zettel und Marker.

»Jeder schreibt drei Dinge auf. Dann tauschen wir uns aus.«

Mary starrt auf den leeren Zettel. Was braucht es wohl?

Sie denkt an Verena Pausders Rede. An die Zahlen. An die Hoffnung.

Ihre Hand fliegt über die Post-its. Sie notiert:

  1. Weniger Bürokratie
  2. Mehr Kapital
  3. Mehr Mut

»Wer möchte anfangen?«

Ein Mann meldet sich. Anfang 30, runde Brille, konzentrierter Blick.

»Ich heiße Hua Wang«, sagt er. Seine Stimme ist ruhig. Er spricht mit leichtem chinesischem Akzent. »Weniger Bürokratie.« Hua Wang macht eine Pause. »Deutschland hat Papierstau. In China gibt es gar kein Papier mehr.«

Gelächter.

»In Estland dauert eine Firmenanmeldung 18 Minuten«, wirft jemand ein. 

»18 Minuten«, sagt Mary. »GOAT.«

Der Moderator lacht. »Ja, hier sind die Esten «Greatest of all Time«! Bürokratie ist bei uns ein Hindernis. Darüber sind sich fast alle einig.«

Mary denkt an die Formulare für ihr Gewerbe mit den Wetterstationen.

Fünf Nachmittage. Zwei Behörden. Zeit, in der sie hätte programmieren können. Machbar. Aber nervtötend.

»Was noch?«, fragt der Moderator.

Katharina meldet sich. »Kapital.« Ihre Stimme ist fest. »Deutschland liegt weltweit auf Platz 18 beim Venture Capital. Hinter Frankreich, den Niederlanden, Israel. Vor allem Wachstumskapital für reife Start-ups, die Scale-ups, fehlt. Und wenn alle Geld aus den USA aufnehmen, wandert die Wertschöpfung auch dorthin.«

»Und warum ist das so?«, fragt Mary neugierig.

Alle Köpfe drehen sich zu Mary. Ihre Wangen werden warm.

Der Moderator lächelt. »Gute Frage. Warum fehlt das Kapital?«

Hua Wang antwortet: »Deutsche Investoren sind risikoscheu. Sie wollen Sicherheit. Immobilien. Gold. Keine Start-ups.«

»Und Versicherungen, Pensionsfonds und Stiftungen dürfen nicht investieren«, fügt Katharina hinzu. »Da braucht es Gesetzesänderungen.«

»Gleichzeitig gibt es gute Instrumente für Studierende. Zum Beispiel Fördergelder wie EXIST – aber der bürokratische Aufwand scheint noch zu hoch«, wirft jemand ein. 

Mary notiert: EXIST recherchieren. Sie unterstreicht es doppelt.

»Trotzdem«, sagt der Moderator, »immer mehr Gründerinnen finden Deutschland attraktiver als die USA. Weil die USA Probleme haben – Zölle, politische Unsicherheit. Gesellschaftliche Spaltung. Europa ist ein sicherer Hafen.«

Junge, Deutschland ist stabil, aber nicht dynamisch, denkt Mary und hat den Ohrwurm von Teddy Teclebrhan im Kopf.

»Im europäischen Vergleich«, sagt Katharina, »liegt Deutschland vorne, oder?«

Der Moderator nickt. »Ja. Wir sind besser als der Rest Europas. Aber schlechter als die USA und China.«

»Also Mittelfeld«, sagt Mary.

»Genau«, sagt der Moderator. »Und deshalb klotzen wir jetzt deutschlandweit mit den Start-up-Factories ran.«

Er schaut in die Runde. »Die Ergebnisse des Workshops werde ich dem Vorstand für unser neues Positionspapier weiterleiten. Danke euch für die Diskussion.«

Als der Workshop beendet ist, geht Katharina zu Hua Wang hinüber.

»Hi«, sagt sie. »Wo studierst du, Hua?«

»Ich promoviere am RobotxLab der ETH Zürich.« Er macht eine kurze Pause.  »Schwarmintelligenz. Und du?«

»Master Management & Technologie an der TU München«, sagt Katharina. »Wollen wir in Kontakt bleiben?«

»Ja, gerne«, sagt Hua. »Bist du auch auf LinkedIn?«

»Ja.«

Katharina und Hua tauschen LinkedIn-Kontakte aus. Mary beobachtet die beiden.

Das meint Katharina also mit connecten. Nicht schlecht! 

Zurück im Hauptsaal läuft die Konferenz weiter, aber Mary hört kaum noch zu. Ihr Kopf brummt.

Was bedeutet das alles für mich? Ist Deutschland ein guter Standort, trotz Bürokratie? Was passiert, wenn ich hier gründe, aber nicht genügend Kapital finde?

Plötzlich stupst Katharina sie an. »Hey. Wo bist du gerade, Mary?«

»In meinem brummenden Kopf.«

»Und, wie ist es da so, kleine Biene?«

Mary denkt nach. »Es fühlt sich an wie … als würde ein Sturm durch meinen Kopf fegen. Die Gedanken wirbeln nur so herum.«

Katharina legt eine Hand auf Marys Schulter: »Weißt du was? Viele Start-ups wurden in Krisenzeiten gegründet. Apple. Airbnb. WhatsApp.«

Mary schaut sie an. »Das ist für eine BWLerin … schon fast philosophisch.«

Katharina lacht. »Ha ja, i han halt meine Moment, gell.«

Bald darauf verlassen die beiden die Veranstaltung. Die Sonne bricht durch den Berliner Wolkenhimmel. Mary atmet  durch. Zahlen, Zuversicht, Zweifel – alles auf einmal. Sie sehnt sich nach etwas Entspannung. 

»Und jetzt?«, fragt Katharina.

»Jetzt fahren wir nach Potsdam«, sagt Mary. »Zu meiner Familie. Meine Tante hat uns zum Abendessen eingeladen.«

Sie nehmen die S7 vom Hauptbahnhof. Auf der Fahrt erzählt Katharina Mary von ihrem aktuellen Freund und dass es zwischen den beiden leider immer wieder kriselt. Mary ist eine aufmerksame Zuhörerin und bestärkt Katharina. Berlin zieht vorbei – Charlottenburg, Grunewald, Wannsee. Dann die Stadtgrenze.

Es wird ruhiger. Grüner. Das Rattern der S-Bahn wird weniger auf den geraden Gleisen. Mary beobachtet, wie die Abendsonne auf der Havel glitzert.

Sie lehnt den Kopf gegen das Fenster.

Katharina scrollt auf ihrem Handy, macht sich Notizen.

Mary schließt die Augen.

Was, wenn Deutschland doch nicht der richtige Ort ist? Was ist mit San Francisco oder Shanghai? Bleibe ich nur hier, weil es bequem ist?

Die S-Bahn hält. Potsdam Hauptbahnhof. Mary öffnet die Augen. Der Bus bringt sie nach Potsdam West. Ein altes, repräsentatives Stadthaus aus rotem Backstein, nahe Sanssouci. Marys Tante öffnet die Tür. »Willkommen. Tretet ein. Ihr müsst hungrig sein.«

Sie treten ein. Holzdielen, hohe Decken, der Geruch von frisch gebackenem Brot. Das Abendessen ist einfach, aber lecker: Kartoffelsuppe, Buletten, Wildblumenkäse und Feldsalat. 

»Und?«, fragt Marys Tante. »Wie war eure Konferenz?«

»Überwältigend«, sagt Mary.

»Im guten Sinne?«

Mary zögert. »Ich weiß es nicht. Es gab viel Hoffnung. Aber auch viele Zahlen, die … ernüchternd waren.«

Marys Tante nickt. »Deutschland und Start-ups. Das ist wie … ein gestrandeter Tanker, der versucht, ein Schnellboot zu werden.«

Katharina lacht. »Ein gutes Bild.«

Nach dem Essen stoßen sie miteinander mit einem Glas Rotwein an.

»Auf unsere Zukunft«, sagt Marys Tante.

»Auf unsere Zukunft«, wiederholen Mary und Katharina.

Der sizilianische Rotwein ist gut. Trocken, aber fruchtig. Mary trinkt langsam und spürt, wie die Anspannung des Tages von ihr abfällt.

Am nächsten Morgen schlendern Mary und Katharina durch den Schlosspark Sanssouci.

Die Luft ist klar und frisch, anders als in Berlin. Sie betreten den Park durch das Grüne Gitter. Der beige Glockenturm der Friedenskirche ragt in den Himmel. Sonnenstrahlen tanzen durch die kräftigen Äste der alten Eschen.

Sie biegen um eine Kurve und hören bereits das Plätschern der großen Fontäne.

»Es ist schön hier«, sagt Katharina.

Mary nickt. »Preußens Könige haben hier mehr gebaut als nur Schlösser. Sie haben Kunst und Forschung zusammengebracht. Ein Ort, an dem Neues entstehen konnte.«

»Sie hatten eine klare Vision für ihr Land«, sagt Katharina. »Genau wie Ludwig Erhard. Er forderte Wohlstand für alle. Und alle machten mit.«

»Ja. Komm, gehen wir weiter.« 

Sie passieren barocke Alleen, Statuen, Terrassen. Überall Geschichte – sichtbar in der wunderbaren Architektur, in den Sichtachsen, in der Sorgfalt jedes Details.

Mary führt Katharina vorbei an der gelben Sommerresidenz Friedrichs II. mit den angelegten Weinbergterrassen, über die Maulbeerallee mit Blick auf das Neue Palais.

Sie setzen sich auf eine alte Holzbank in einer ruhigeren Ecke des Parks. Schräg vor ihnen steht das Reiterstandbild Friedrichs des Großen.

»Weißt du«, sagt Mary, »die Preußen haben in Bildung investiert, in die Menschen. Das hat die besten Talente aus ganz Europa angezogen. Und sie haben ihnen die Freiheit gegeben, um zu forschen, zu denken, zu schaffen.«

Katharina schaut auf das Monument. »Preußens Gründerzeit.«

»Ja. Und vielleicht«, sagt Mary, »ist es für uns heute wieder an der Zeit, uns neu zu erfinden. So wie damals.«

Katharina lächelt. »Mit weniger Perücken.«

»Ja, weniger Perücken.« Mary lacht.

Sie stehen auf und gehen weiter. Der Weg führt sie durch den sizilianischen Garten zurück auf die Weinbergterrassen. Ordentliche Reihen von Weinstöcken ziehen sich den Hang hinauf. Jetzt im Frühjahr sind sie noch kahl – nur dünne Reben, Metallgestelle, trockene Erde.

Mary bleibt stehen. Geht langsam zu einem der Stöcke. Legt ihre Hand auf das raue, zarte Holz. Spürt die Rillen der Rinde unter ihren Fingern.

»Für den hier habe ich die Patenschaft«, sagt sie. »Meine Tante hat das zu meiner Geburt veranlasst.«

Katharina schaut genauer hin. »Der soll mal Wein tragen?«

»Noch sieht er mickrig aus«, gibt Mary zu. »Jedes Jahr ein neuer Trieb. Manchmal schneidet man ihn zurück, damit er stärker nachwächst. Aber er bleibt fest verwurzelt.«

Beide sind einen Moment still.

»Weißt du«, sagt Mary leise, »vielleicht ist das die Antwort.«

»Welche Antwort?«

»Auf die Frage, ob ich in San Francisco, Shanghai oder hier gründen soll.« Mary schaut auf den Weinstock. »Vielleicht muss ich nicht woanders hin. Vielleicht muss ich einfach hier Wurzeln schlagen. Mich fest im Ökosystem verwurzeln. Und dann langsam wachsen.«

Katharina lächelt. »Fest verwurzeln? Mit beiden Beinen auf dem Boden kannst du dich nicht nach vorne bewegen.«

»Das mag sein«, sagt Mary. »Aber wenn ich ein Start-up gründe, dann sollte es gute Frucht bringen. Für andere. Nicht nur für mich.«

Sie stehen noch einen Moment vor dem Weinstock.

Mary berührt die Rinde zum Abschluss, als wolle sie sich verabschieden.

Dann dreht sie sich um. »Gehen wir zum Bahnhof und nehmen die S-Bahn zurück nach Berlin? Der ICE nach München fährt bald.«

Als der Zug nach München aus dem Hauptbahnhof gleitet, lehnt sich Mary zurück in den blauen Polstersitz und schaut aus dem Fenster. In ihr wirken die Worte von Verena Pausder nach: Deutschland zur Start-up-Nation machen.

»Was hältst du eigentlich von den Start-up Factories?«, fragt Mary. 

»Zehn Gründerzentren, über 100 Millionen Euro privates Kapital«, sagt Katharina. »Wird Zeit, dass sich was dreht! An welche erinnerst du dich?«

Mary denkt nach. »Das UNITE in Berlin will täglich ein Start-up gründen. Ich schaffe es kaum, eine Wetterstation pünktlich zu liefern. Und du?«

»Das HOI in Bremen, weil sie an der Energiewende arbeiten«, sagt Katharina. »Und das NXTGN bei mir ausm’ Ländle, isch klar!«

»Ob wir den Erhard 2.0 können?«, feixt Mary.

Katharina lacht. »Naja, meine Freundin würde jetzt sagen, dass die Welt noch nie besser gemeckert wurde. Ich schlafe jetzt ein wenig.«

Mary schmunzelt.

Sie denkt an den Workshop. An die Zahlen. An den Weinstock.

Vielleicht bin ich schon bereit, Wurzeln zu schlagen.

Katharina hat bereits die Augen zu.

Mary nimmt ihr Handy heraus und öffnet die Notiz-App. Sie tippt: Start-up-Idee: Etwas, das fest verwurzelt ist. Etwas, das gute Frucht bringt. Etwas, das Deutschland hilft.

Mary lehnt sich zurück in ihren Sitz und kuschelt sich mit dem Kopf in ihr Nackenkissen.

Als sie aus dem Fenster schaut, zieht Brandenburg an ihren Augen vorbei. Felder. Dörfer. Wälder.

Zum ersten Mal empfindet sie so etwas wie Ruhe an diesem Wochenende. 

Dann schließt sie die Augen.

Jetzt bist du dran

Schritt 1

Stelle dir einen Timer auf 7 Minuten.

Schritt 2

Lese die Inspiration zu den Motiven auf der Core Principles Canvas zweimal durch:
– einmal mit dem Verstand (Fakten),
– einmal mit dem Herzen (Gefühle).

Fehlt dir ein Motiv? Ergänze es.

Schritt 3

Notiere deine drei Motive, z.B. in der Core Principles Canvas.

Schritt 4

Überlege
1. Welches dieser drei Motive findest du am inspirierendsten für dich?
2. Treffe eine Entscheidung – bewusst, nicht perfekt – und wähle dein Hauptmotiv.
3. Vervollständige diesen Satz mit deinem Hauptmotiv.

„Ich möchte ein Start-up gründen und…

Schritt 5

1. Bespreche dein Hauptmotiv mit einem Freund, einer Freundin oder einem Familienmitglied.
2. Frage sie nach ihren Motiven für ihre Arbeit.
3. Tauscht euch darüber aus, welche Rolle Motivation bei der Arbeit spielt.

Gut, dass du dich auf die Reise zu dir selbst machst.

Diese Übung ist eine von insgesamt elf Übungen der Unstoppable – Methode.
Wenn die Übung deine Hoffnung stärkt,
dann mache mit der nächsten Übung weiter.

Über Flo

Flo Küster hat drei Start-ups gegründet. Und die UnternehmerTUM über fünf Jahre mitgeprägt.

Als Mitglied der Geschäftsleitung war er verantwortlich für die MakerSpaces und hat das TUM Venture Labs für Robotics & AI mitaufgebaut. Aus diesem Umfeld kommen Start-ups wie air up, Flix, Isar Aerospace, remberg, Sitegeist u.v.m.

Was kein Hörsaal oder Buch beantworten kann, hat Flo auf vier Kontinenten gelernt: Wie finde ich heraus, was meiner Arbeit tatsächlich einen Sinn gibt? Wie orientiere ich mich in unsicheren Zeiten?

Das Buch Unstoppable – Gründen mit Werten ist seine Antwort darauf.

Gründen mit Werten

Unstoppable – Gründen mit Werten ist Roman und Methode in einem.

Du begleitest Mary Fischer, Informatikstudentin an der TU München, durch elf Wachstumsschritte – und entwickelst dabei deinen eigenen Wertekompass, erkennst deine Stärken und baust ein Fundament, das zukünftig stabil trägt.

Praxisnah, persönlich und mit echten Geschichten aus dem Münchner Isar Valley – Europas Start-up-Ökosystem Nr. 1, dreimal ausgezeichnet von der Financial Times.

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