Mary lässt ihren Blick behutsam durch den Garten schweifen und betrachtet die Bienen, wie sie fleißig und beladen die Bienenstöcke anfliegen.
»Unser kleines Ökosystem«, sagt Manfred. »Alles ist miteinander verbunden – Pflanzen, Tiere, Mikroorganismen, Boden, Wasser, Luft. Jedes Element hat seine Aufgabe. Wenn ein Element fehlt, kann das ganze System aus dem Gleichgewicht geraten.«
»Wie bei einem Computernetzwerk«, sagt Mary.
Manfred lächelt. »Freili. Nimm die Bienen. Sie fliegen von Blüte zu Blüte, sammeln Nektar und Pollen. Dabei übertragen sie den Pollen auf die nächste Blüte. Das nennt man Bestäubung.«
»Und ohne Bestäubung?«
»Keine Früchte. Keine Samen. Keine neuen Pflanzen.« Manfred deutet auf die Apfelbäume. »Jeden Apfel verdankst du einer Biene.«
Mary denkt nach. »Wie viel von unserer Nahrung hängt davon ab?«
»Circa ein Drittel.«
Mary trinkt einen Schluck Apfelschorle. Die Kohlensäure prickelt auf ihrer Zunge – herb, fruchtig, kalt. Manchmal besser als ein Eis. Sie sitzt mit Manfred am kleinen Tisch unter der Linde im Schrebergarten. Ein heißer Junitag in München.
Mary berichtet Opa begeistert von ihren Vorlesungen: Programmierung, Algorithmen, Rechnernetze. Sie hat das Wissen wie ein Schwamm aufgesogen in den letzten Monaten. Aber in ihrem Semester ist sie nur eine begabte Coderin unter vielen. An manchen Tagen fühlt sie sich überfordert, der Konkurrenzdruck ist hoch. Sie erzählt Opa, dass sie manchmal Zweifel quälen, ob sie schlau und fleißig genug ist, um das Studium an der TUM erfolgreich zu meistern.
Er hört ihr einfach nur zu. Und das tut so gut.
Als sich Mary zurücklehnt und die Wärme der Sonne auf ihren Oberschenkeln spürt, fliegen die Bienen summend ein und aus. Dieses Summen ist eine Konstante in ihrem Leben – beruhigend und gleichmäßig, ein Takt, der nie abreißt.
Dann steht Manfred auf und geht zu einem der Hochbeete. Er kniet sich hin, gräbt mit den Fingern in der Erde, holt eine Handvoll heraus.
»Schau her«, sagt er zu Mary. »Gute Erde. Dunkel, krümelig, riecht nach Leben.«
Mary nimmt eine Handvoll. Die Erde ist kühl und feucht zwischen ihren Fingern. Milliarden Mikroorganismen bewegen sich darin – ein unsichtbares Universum.
»Ja, aber draußen, auf den großen Feldern«, sagt Manfred, »sehr viel Weizen, Hafer oder Raps. Kilometerweise die gleiche Pflanze. Monokulturen: wie ein Buffet, auf dem nur ein Gericht steht.«
»Und die Bienen?«
»Hungern. Oder verhungern.« Manfred klopft sich die Erde von den Händen. »Bienen brauchen Vielfalt. Unterschiedliche Pflanzen. Im Frühling Obstbäume. Im Sommer Klee. Im Herbst Astern und Sonnenblumen.«
Mary schaut auf die Bienenstöcke. »Aber hier haben sie genug.«
»Basst scho, ja. Weil der Englische Garten eine Vielfalt an Nahrung bietet.«
Vielfalt, denkt Mary. Das Gegenteil von Monokultur.
Manfreds Ton wird ernster. »Temperatur. Pestizide. Krankheiten.« Er lehnt sich gegen den Tisch. »Vorletztes Jahr war der März zu warm. Die Bienen sind zu früh ausgeflogen, aber die Blüten waren noch nicht da. Viele Völker verhungerten.«
Sein Kiefer spannt sich an. Die Falten um seine Augen werden tiefer.
»Und die Pestizide?«
»Noch schlimmer.« Manfreds Stimme wird leiser. »Neonicotinoide. Sie greifen das Nervensystem an. Die Bienen verlieren die Orientierung. Finden nicht mehr zurück.«
»Ich habe online auch von Varroamilben gelesen«, sagt Mary leise.
»Genau. Parasiten, die Viren übertragen. Früher kein Problem – die Bienen konnten sich wehren. Aber heute, mit den Pestiziden, dem Stress, der Mangelernährung – heute sind sie eine Katastrophe.«
Manfred schaut auf die Stöcke. »Letztes Jahr habe ich drei Völker verloren.«
Stille. Nur das Summen der Bienen erfüllt den Garten.
Mary drückt ihren Opa an sich. Spürt, wie dünn er geworden ist unter dem Flanellhemd. Der Geruch von Holz, Rauch und Bienenwachs – ihr Anker. Sicherheit und Heimat in einer Person.
»Ich muss jetzt los, Opa.«
»Pfiat di, Spatzl.«
Während sie durch den Englischen Garten radelt und der kühlende Fahrtwind ihre Haare zerzaust, denkt sie über Manfreds Worte nach. Ökosystem. Vielfalt. Überleben.
Sie trifft Katharina ganz in der Nähe der Alten Pinakothek am Stammgelände der TU München. Sie steuern das Audimax an. Die Sonne brennt auf den Asphalt, die Luft flimmert. Es riecht nach heißem Teer. Heute ist ein besonderer Tag: der Entrepreneurship Day.
»Heute findest du vielleicht einen Job«, sagt Katharina zuversichtlich, während sie ihr Fahrrad anschließt.
Katharina jobbt bereits bei Celonis als Werkstudentin im Business Development. Mary ist noch auf der Suche.
An diesem letzten Donnerstag im Juni wird die Universität zum Treffpunkt für alle, die etwas unternehmen wollen. Start-ups, Forscherinnen, Studierende, Investoren.
»Ich freue mich besonders auf Helmut Schönenberger«, sagt Mary.
»Er hat die UnternehmerTUM aufgebaut, oder?«
Mary nickt. »Seit 2002. Susanne Klatten hat es als Eigentümerin möglich gemacht. Heute ist sie das erfolgreichste Gründungszentrum Europas.«
Sie holen sich einen Cappuccino am Stand vor dem Eingang – der Schaum ist lauwarm, der Kaffee stark – und gehen zielstrebig in den Saal.
Aufbruchsstimmung liegt in der Luft. Mary spürt sie – ein Kribbeln in den Fingerspitzen, eine Vorfreude, die sich anfühlt wie der Moment vor dem Kompilieren: Es könnte funktionieren. Oder abstürzen.
Um Punkt zehn Uhr betritt Prof. Dr. Thomas Hofmann die Bühne. Fünfhundert Menschen sitzen im Publikum. Der Präsident der TU München wurde als Hochschulmanager des Jahres ausgezeichnet. Er trägt einen dunklen Anzug, bewegt sich flott und zielstrebig. Dann tritt er ans Mikrofon und wartet einen Moment, bis der Saal still wird.
»Mehr als 1100 neue Unternehmen in nur zehn Jahren.« Seine Stimme ist klar, bestimmt. »Keine Universität im deutschsprachigen Raum bringt aktuell mehr Start-ups hervor.«
Der Applaus beginnt vereinzelt, dann schwillt er an, bis der Boden unter Marys Füßen vibriert.
1100 Start-ups. Aus München. Von Studierenden wie mir.
»Es gibt noch viel Potenzial«, fährt Herr Hofmann fort. Er lehnt sich leicht nach vorne. »Wir entwickeln Technologien nicht um ihrer selbst willen. Wir entwickeln sie für die Menschen.« Seine Stimme wird fester. »Wissenschaft soll Mensch und Natur dienen. Das war schon immer unsere Aufgabe. Und das bleibt unser Kompass.«
Mary spürt, wie sie sich innerlich aufrichtet. Technologie für die Menschen. Genau mein Ding.
»Entweder wir entwickeln uns mutig fort«, sagt Herr Hofmann, »oder wir fallen zurück. Veränderung ist unsere einzige Konstante.«
Applaus. Stärker diesmal.
Danach bittet der Moderator Helmut Schönenberger auf die Bühne. Dieser strahlt eine ansteckende Positivität aus.
»Unser Erfolgsgeheimnis ist das Ökosystem«, beginnt er.
Mary horcht auf. Ökosystem. Das Wort von heute Morgen.
»TU München, LMU, BMW, Siemens, Mittelstand, Investoren, Politik – wir bringen sie zusammen. Kapital, Know-how, Talente. Ein vertrauensvolles Miteinander. Vielfalt. Das zeichnet den Erfolg des Münchner Modells aus.«
Vielfalt, denkt Mary. Wie im Garten. Die Bienen brauchen Obstbäume, Klee und Sonnenblumen. Das Start-up-Ökosystem braucht Universitäten, Unternehmen und Investoren. Wenn ein Element fehlt, gerät das System aus dem Gleichgewicht. Opas Worte. Hier im Audimax klingen sie plötzlich wie eine akademische Formel.
Helmut Schönenberger lacht – es hallt durch den Saal. »Und das Beste: Es macht große Freude!«
Er macht eine Pause und wird etwas nachdenklicher. »Jeden Monat eine neue Technologie. Wir fragen uns, brauchen wir einen neuen Kurs? Eine neue Infrastruktur? Wer sind die richtigen Partner?«
Infrastruktur, denkt Mary. Wie die Bienenstöcke. Der Ort, an dem alles zusammenkommt – die Labore der TU München. Das Munich Urban Colab. Die MakerSpaces und FABLABS. Das Werk 1.
»Auch in anderen Städten entstehen starke Gründerzentren«, fährt Helmut Schönenberger fort. »In Potsdam, Heidelberg, Karlsruhe oder Aachen. Überall ziehen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik an einem Strang. Für die nächste Generation.« Er hebt den Zeigefinger. »Wir wollen in München Spitze sein, aber nicht einsame Spitze! Wir brauchen ein starkes Netzwerk in ganz Deutschland.«
Er lächelt. »Die meisten Gründungen entstehen in Software, MedTech, Bildung, Mobilität – und im DeepTech-Bereich.«
An den Begriff aus Berlin erinnert sich Mary und er fällt auch in München immer wieder. Katharina stupst sie an und flüstert: »Was war noch mal dieses DeepTech?«
»Das frage ich mich auch. Es klingt nach Raketenwissenschaft.«
Helmut Schönenberger hat Luft- und Raumfahrttechnik in Stuttgart studiert und erklärt:
»DeepTech-Start-ups schaffen es, die Brücke zwischen exzellenter Forschung und der realen Welt zu schlagen. Sie entstehen an der Schnittstelle von Wissenschaft und Wirtschaft – oft auf Basis patentierter, technologisch komplexer Systemlösungen. Ihr Ziel: Antworten auf die großen Fragen unserer Zeit zu liefern – von Fusionsenergie über Quantencomputing bis hin zur Raumfahrt. DeepTech ist die Zukunft Deutschlands.«
Der Vortrag endet unter Applaus.
Raketenwissenschaft – ich wusste es, denkt Mary.
Mary und Katharina nutzen die Pause, sie gehen nach draußen. Die dichte Sommerluft steht über dem Campus. Die Sonne brennt auf Marys Stirn, kleine Schweißperlen bilden sich. Überall hört man das Murmeln der Studierenden. Sie holen sich ein stilles Wasser und lehnen an einer Mauer im Innenhof.
»Es ist ein System«, sagt Mary. »Ein Ökosystem, das funktioniert. Wie Opas Garten.«
Katharina schaut sie an. »Opas Garten?«
»Ja. Heute Morgen hat er mir erklärt, wie ein Bienen-Ökosystem funktioniert. Vielfalt, Nahrungsquellen, Bienenstöcke als Infrastruktur: alles verbunden.« Mary nimmt einen Schluck Wasser. »Und jetzt stehe ich hier und höre exakt dasselbe – nur mit anderen Worten. Universitäten statt Blüten. Investoren statt Pollen. Statt der Bienenstöcke der MakerSpace als Infrastruktur.«
Katharina lacht. »Das ist so typisch du. Wo andere ein Start-up-Event sehen, siehst du einen Imkerverein.«
Mary grinst. »Ein Imkerverein mit Venture Capital.«
»Und wir mittendrin.«
»Genau. Wir sind ein Teil davon. Wie die Bienen. Jede hat ihre Aufgabe. Arbeiterinnen sammeln Nektar. Königinnen legen Eier. Drohnen sterben nach der Paarung.«
»Du und deine Bienen. Hoffentlich bin ich keine Drohne«, entgegnet Katharina trocken.
Kurze Zeit später wird es wieder laut im Audimax. Der Saal füllt sich. Das Licht wird gedimmt. Der Spot wandert auf die Bühne. Der Klappsitz knarrt, als Mary sich aufrichtet.
Eine Moderatorin kündigt die Pitches an – die Start-up-Präsentationen.
»Isar Aerospace: Trägerraketen für Europa.«
Ins All. Wahnsinn.
»Sitegeist: Mobile Baustellenroboter.«
Personalmangel auflösen. Praktisch.
»Angsa: Autonome Roboter für die Reinigung von Grünflächen.«
Spannend. Ein Roboter, der die Natur säubert.
Sie denkt an Opa Manfreds Garten. An die Bienen. An die Parkflächen am Monopteros, auf denen man manchmal mehr Kronkorken als Blüten sieht. Opa würde es lieben.
Der Mitgründer betritt die Bühne. »Hi, ich bin Lukas Wiesmeier. Ehemaliger Student der TU München.«
Auf der Leinwand hinter ihm das Logo von Angsa Robotics. Und ein graufarbener Industrieroboter auf grünem Rasen.
Mary richtet sich auf. Einer wie ich. Wenn er es geschafft hat, warum nicht auch ich?
Lukas spricht euphorisch und präzise. Er erzählt die Geschichte von Angsa: Von der ersten Idee bei Think.Make.Start über das EXIST-Gründerstipendium bis zum Prototypenbau im MakerSpace. Der erste Pilotkunde: die Berliner Stadtreinigung.
»Wir wollten etwas bauen, das für alle funktioniert«, sagt Lukas. »Etwas, das die Welt ein bisschen besser macht.«
Mary spürt, wie ihr Puls nach oben schnellt. Trau dich! Einfach machen!
Sie beschließt, ihn nach dem Vortrag anzusprechen.
Nach dem Vortrag drängen sich Leute um Lukas. Mary wartet am Rand. Ihre Hände sind feucht. Ihr Puls hämmert in der Halsschlagader. Sie ballt die rechte Hand zur Faust, öffnet sie wieder.
Jetzt oder nie.
Als die Menge sich lichtet, geht sie auf ihn zu.
»Hey, Lukas. Darf ich dich kurz ansprechen?«
Lukas schaut auf sein Handy, tippt eine Nachricht. »Ich muss gleich los, aber –«
»Es dauert nur eine Minute.«
Er schaut hoch. Lächelt. »Gern.«
»Ich bin Mary, studiere Informatik an der TU München und suche einen Nebenjob.«
Lukas mustert sie kurz. »Was kannst du gut?«
»Python. Machine Learning. Und ich baue mit meinem Opa Wetterstationen für Schrebergärten.«
Lukas lacht. »Wetterstationen?«
»Ja. Mit Sensoren und App. 200 Euro pro Stück. Für Leute wie Dieter, den liebevollen Kleingartenprofi.«
»Sehr gut.« Er steckt sein Handy weg.
»Mary, wir suchen gerade Verstärkung im Software-Team. Hast du Lust auf einen Probetag?«
Mary nickt. »Sehr gerne.«
»Gut. Schick mir bitte eine Mail, dann melden wir uns bei dir.«
Sie tauschen Kontakte aus.
Als Lukas weitergeht, durchströmt sie ein Glücksgefühl und ihr Herz hüpft vor Freude.
Wahnsinn. Einfach mal machen.
Auf dem Heimweg lassen Mary und Katharina den Tag im Englischen Garten Revue passieren.
Die Sonne steht tief über den Bäumen, der Eisbach plätschert dahin. Surfer ziehen ihre Kurven auf der Welle, die dank großer Anstrengungen der Stadt wieder hergestellt wurde und ein so wichtiges Wahrzeichen für München ist, wie der Friedensengel.
Irgendwo spielt jemand »The Times They Are a-Changin« von Bob Dylan auf der Gitarre. Die beiden Frauen radeln an der großen Wiese am Monopteros vorbei, bis sie schließlich eine ruhige Stelle im Nordteil des Englischen Garten erreicht haben.
»Komm, hier am Oberföhringer Wehr ist es perfekt.« Mary und Katharina gehen runter zur Kiesbank, ziehen die Schuhe aus und spüren die runden, flachen Steine zwischen ihren Zehen.
Katharina öffnet zwei kalte Radler.
»Weißt du«, sagt Mary, »heute habe ich verstanden, was Opa mit dem Ökosystem meint.«
Katharina schaut sie an. »Was denn? Prost!«
»Prost! Die Bienen brauchen Vielfalt. Unterschiedliche Pflanzen. Ohne Vielfalt verhungern sie.« Mary macht eine Pause. »Und das Start-up-Ökosystem ist genauso. Universitäten, Unternehmen, Investoren, Politik – alle spielen eine tragende Rolle. Wenn ein Element fehlt, funktioniert das System nicht.«
Katharina nickt langsam. »Des isch … tatsächlich a guade Metapher.« Und ein Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus.
»Und ich bin eine fleißige Biene«, sagt Mary feixend.
Katharina schmunzelt. »Du bist eine Biene?«
»Ja. Ich fliege von Blüte zu Blüte. Sammle Wissen. Bestäube Ideen. Und irgendwann produziere ich Honig.«
»Honig?«
»Ein Start-up.«
Katharina freut sich. »Ich liebe Honig.«
Beide lachen.
Katharina nimmt einen Schluck kaltes Radler, das ihre Kehle hinunter perlt. Dann wird sie ernst.
»Übrigens«, sagt sie. »Ich habe letzte Woche einen Artikel in der Financial Times gelesen. Über ein Ranking von Start-up-Hubs in Europa.«
Mary horcht auf. »Start-up-Hubs?«
»Ja. Gründerzentren. Die Financial Times hat zusammen mit Statista 180 davon bewertet. In 39 Ländern.«
»180? Das ist viel. Und wie bewerten die das?«
Katharina zählt auf: »Mentoring und Training. Infrastruktur – also Labore, Werkstätten, Coworking. Rechtliche Unterstützung. Netzwerke zu Unternehmen und Investoren. Zugang zu Kapital. Und dann der Track Record – wie erfolgreich die Alumni-Start-ups sind.«
»Also quasi alles, was Helmut Schönenberger heute beschrieben hat.«
»Exakt. Und weißt du, wer auf Platz eins steht?«
Mary schaut sie an. »Lass mich raten.«
»Drei Jahre in Folge, Mary. Kein anderer Hub in Europa kommt ran. UnternehmerTUM.«
Mary lässt das sacken. Drei Jahre. Nummer eins. In ganz Europa.
»Und es wird noch besser«, sagt Katharina. »In der neuesten Ausgabe sind drei aus Bayern dabei. UnternehmerTUM auf Platz eins. Start2 Group und BayStartUP.«
»Alle drei von hier?«
»Ja, alle drei aus Bayern.«
Mary starrt auf die Isar. Die Sonne spiegelt sich im Wasser und für einen Moment sieht das Glitzern aus wie tausend kleine Bienen, die über die Oberfläche tanzen.
»Katharina«, sagt sie langsam. »Wir studieren am besten Start-up-Standort Europas. Wir haben Zugang zu allem – Mentoring, Infrastruktur, Netzwerk, Kapital. Alles, was die Financial Times als Kriterien nennt, haben wir vor der Haustür.«
Katharina grinst. »Wir sitzen im Isar Valley.«
Mary muss lachen. Dann wird sie still.
Weil es stimmt. Weil die Zahlen es beweisen. Und weil sie tatsächlich gerade mitten in der Isar sitzen.
Wir sind im Paradies für Start-ups, denkt Mary.
»Weißt du, was das Absurde ist?«, sagt Mary. »Alle reden über Disruption, Innovation, Moonshots. Und der Grund, warum München funktioniert, ist im Kern das Gleiche wie bei Opas Bienen: Vielfalt, Vertrauen und ein guter Standort. Keine Magie. Zusammenarbeit und gute Infrastruktur.«
»Gott sei Dank«, sagt Katharina. »Mit Magie kenn i mi net aus. Aber Zusammenarbeit – des isch mei Ding.«
Mary nimmt noch einen Schluck Radler.
»Die Start-up-Szene«, sagt sie, »ist im Grunde eine Horde Erwachsener, die in Turnschuhen herumlaufen, Post-its an Wände kleben und sich gegenseitig versichern, dass ihr Scheitern eigentlich Lernen ist. Und das Verrückte: Es funktioniert.«
Katharina prustet. »’s gibt Plätz, wo mr fürs Scheitere Applaus kriegt. Die nennt man Start-up-Events. Oder Kindergeburtstage.«
Mary lacht so laut, dass die Jungs von nebenan, die am Ende der Kiesbank sitzen, herschauen.
Sie ist einen Moment lang still.
»Heute war es inspirierend.«
Katharina lächelt. »Ja, München hat’s beschde Gründungszentrum. Uns fehlt bloß noch die Idee.«
»Die kommt«, sagt Mary. »Irgendwann. Aber zuerst möchte ich verstehen, was mich wirklich antreibt. Was mir wichtig ist.«
Katharina schaut sie an. »Des was dir wichtig ischt?«
»Ja.« Mary nickt. »Alle reden von Start-ups, von Funding, von Erfolg. Aber was bedeutet Erfolg eigentlich für mich?«
Sie schaut auf die Isar.
»Opa hat heute von den Bienen erzählt. Wie sie verhungern, wenn die Vielfalt fehlt. Wie drei seiner Völker gestorben sind.« Ihre Stimme wird leiser. »Ich will kein Start-up bauen, dessen Produkte Leben zerstören. Ich will Technologie schaffen, die Leben bewahrt.«
Katharina ist still. Dann sagt sie leise: »Das klingt doch nach einem guten Kompass.«
Marys Brustkorb fühlt sich weit an. Als wäre dort Platz für etwas Neues. München ist bereit. Und Mary ist es auch – auch wenn sie es noch nicht ganz weiß. Der Weinstock braucht Jahre, bis er Frucht trägt. Aber er wächst. Jeden Tag.








