Ein warmer Oktobermorgen. Als Mary aus der U6 am Forschungszentrum Garching steigt, schaut sie sich um und folgt den anderen Studentinnen und Studenten links die Rolltreppen hinauf. Ihr Herz schlägt wie ein Metronom, das etwas zu schnell getaktet ist.
Wen treffe ich an meinem ersten Tag?, fragt sie sich.
Heute beginnt ihr Studium an der TU München. Auf einem Campus, der wie ein großes Open-Air-Fest wirkt: Freibier, Brezn und Livemusik. Dazu 14.500 Erstsemester. Oben riecht die Luft nach frisch gemähtem Gras. Mary liebt diesen Geruch – wie in den Sommerferien bei Opa Manfred. Zwei Jungs umarmen sich, als hätten sie sich jahrelang nicht gesehen.
Ich kenne niemanden.
Beifall brandet auf, als das offizielle Programm beginnt. Professor Dr. Thomas Hofmann, Präsident der TU München, begrüßt Studierende aus über 130 Ländern. Während Prof. Dr. Schönenberger für die UnternehmerTUM wirbt, das Zentrum für Innovation und Gründung.
Die Vielfalt ist beeindruckend. Gleichzeitig ist Mary von der schieren Masse an Menschen überfordert.
Hinter ihr bahnt sich eine junge Frau mit einem aschblonden Pferdeschwanz energisch einen Weg durch die Menge. Als sie näher kommt, streift sie Mary mit ihrer braunen Ledertasche leicht, aber spürbar am Arm.
»Sorry!«, lacht sie, als sie ihr Missgeschick bemerkt und ihre Hand Richtung Mary ausstreckt. »Hi, ich bin Katharina.«
Mary schüttelt sie. »Hi, ich heiße Mary.«
»Und, kennst du schon jemanden?«
Mary lächelt: »Jetzt ja. Was studierst du?«
»Ich studiere Management und Technologie. Und du?«
»Informatik.«
Katharinas Hand berührt Marys Ellenbogen. »Perfekt! Techi und Business, das ist eine gute Kombination. Komm mit, wir stürzen uns ins Chaos.«
Mary folgt ihr ins Getümmel und spürt, wie die Anspannung nachlässt.
Sie schauen sich an den Ständen um. Katharina erzählt Mary von ihrer Familie aus Stuttgart. Ihren Eltern, die in den 1990er-Jahren aus Kasachstan kamen. »Meine Familie ist aus der zerfallenen Sowjetunion in die Freiheit geflüchtet«, sagt sie. »Sie haben gekämpft und sich in Stuttgart ein neues Leben aufgebaut. Ich will mir hier in München etwas Eigenes aufbauen.«
Beim ersten Bier entdecken sie ihre gemeinsame Liebe fürs Wandern. Katharina schwärmt von Slowenien und dem Triglav, Mary vom Rosengarten in den Dolomiten. Sie merkt, dass sie seit drei Stunden nicht mehr auf ihr Handy geschaut hat.
Am Ende des Empfangs stehen sie nebeneinander, zwei blaue Kappen mit weißem TUM-Logo in den Händen.
»Weißt du schon, was du machen willst, wenn wir mit der TUM fertig sind?«, fragt Katharina.
Mary zögert. »Nein, wie wäre es, wenn wir erst mal anfangen?«
Katharina zieht die linke Augenbraue hoch. »Mary, wir sind an der TU München. Schaffe, schaffe, Start-up baue.« Ihre Mundwinkel ziehen sich leicht nach oben. «Ich muss los, lass uns gern mal was trinken gehen.«
Nachdem sie ihre Nummern ausgetauscht haben, schultert Katharina ihre Tasche. Dann verschwindet sie zielstrebig in der Menschenmenge.
Die weiß ja, was sie will, denkt Mary.
Wenige Tage später beginnt Marys erste Vorlesung. Katharina hat ihr noch nicht geschrieben, aber Mary denkt an sie. Ihr Professor Dr. Schmidthuber beginnt das Semester mit einem Besuch im Planetarium nebenan.
Nach der Begrüßung im Foyer führt ein Student, der ein hellblaues T-Shirt trägt, die Gruppe in einen dunklen Raum. Die Kuppel, in der die Leinwand angebracht ist, wölbt sich über die Sitzreihen. Mary lässt sich in einen Sitz fallen und stellt ihr Handy auf Flugmodus.
Der Guide ist selbst ein Student der Astrophysik und berichtet begeistert von seinem letzten Forschungsaufenthalt in Nord-Chile. Hier betreibt die ESO einige der größten und wissenschaftlich bedeutendsten Teleskope der Welt.
Auf der Kuppel erscheint die chilenische Atacama-Wüste. Kein Licht, kein Schatten – nur Sterne. Dann ein gewaltiges Teleskop. »Von hier aus kann das Very Large Telescope feinste Details im Universum messen.«
Bevor der Film startet, zeigt der Student diverse Sternbilder am Nordhimmel, die gut sichtbar sind. Darunter der Polarstern im Kleinen Bären, der Große Wagen und Orion.
Dann startet der Film. Die Erde schrumpft. Ein Flugobjekt kreuzt die Erdkrümmung – die ISS. »Die Astronauten fliegen gerade mit knapp 28.000 Kilometern pro Stunde um die Welt. Das ist ungefähr 35-mal so schnell wie ein Ferienflieger. Von hier oben haben sie einen wunderschönen Blick auf unsere Erde.«
Die Erde aus dem All – ein winziger blauer Punkt in einem Meer aus Dunkelheit. Im perfekten Abstand zur Sonne. Nicht zu weit weg, nicht zu nah dran. Genügend Energie für alles organische Leben. »Keine Nationen, keine Grenzen«, sagt der Guide leise.
Mary denkt an den Reichstag. Dem deutschen Volke. Von hier oben: unsichtbar.
»Unsere Erde ist bedroht«, sagt der Student. »Manche Risiken liegen außerhalb unserer Kontrolle, wie das Erlöschen der Sonne in etwa fünf Milliarden Jahren. Andere Himmelskörper könnten uns treffen, ein Asteroid zum Beispiel. Und für manche Risiken ist die Menschheit selbst verantwortlich.«
Auf der Leinwand bläht sich plötzlich ein Stern auf.
Die Sonne kippt von Gelb zu Rot.
Planeten taumeln.
Sie fallen aus ihren Bahnen.
Die Sonne schwillt an – ein gleißender Riese, der alle Himmelskörper verschlingt.
Mary sinkt tiefer in ihren Sitz. Ihre Atmung verlangsamt sich, ihre Kehle wird trocken.
Im Zeitraffer vergeht eine Ewigkeit: fünf Milliarden Jahre in Sekunden.
Kontinente verglühen.
Meere verdampfen.
Die Sonne stößt ihre Hüllen ab.
Zurück bleibt ein winziger weißer Punkt.
Die Stimme des Sprechers wird leiser, als wollte er dem Moment Gewicht geben. »Die Sonne wird irgendwann zu einem weißen Zwerg. Das Ende allen organischen Lebens auf dem Planeten, den wir Erde nennen.«
Mary blickt auf die Leinwand. Auf den kleinen Rest unseres Sonnensystems, das einst Leben möglich machte. Sie schluckt. Nicht jedes Risiko lässt sich kontrollieren – so fragil, so endlich ist alles.
Plötzlich füllt ein bekanntes Klavierstück den Raum und zwei Stimmen singen: »Wenn ich geh, dann so wie ich gekommen bin, wie ein Komet, der zweimal einschlägt.«
»Das sind die nicht unbedingt als Raumfahrer bekannten Musiker Apache 207 und Udo Lindenberg«, lacht der Student.
Das Publikum johlt und Mary atmet durch.
»Nehmen wir den Liedtext wörtlich. Manche Risiken, wie zum Beispiel Kometen, liegen außerhalb unserer Kontrolle«, fährt er fort, »doch wir können die Situation beeinflussen.«
Ein großes Objekt schießt jetzt über die Kuppel. Massiver Bass dröhnt aus den Boxen. Der schmutzige Schneeball besteht aus Eis und Staub. Seine brennende Spur überzieht die Erde. Am Ende ein lautes Donnern, ein Blitz, dann ewige Stille.
Mary schnürt es die Kehle zu.
»Wir sehen hier den Chicxulub-Krater vor Mexiko und das Ende der Dinosaurier. Mit großer Sicherheit ist dies auf den Einschlag eines zehn Kilometer großen Asteroiden zurückzuführen.«
Marys Herz klopft schneller. Wie oft passiert so etwas?
Ein Schnitt im Film. In der nächsten Szene erscheint ein zweiter Himmelskörper. Diesmal bringt Bruce Willis im orangenen Raumanzug atomare Sprengköpfe an. Explosion. Jubel im Saal.
Die Welt ist gerettet – fürs Erste.
»So heroisch wie im Film Armageddon wird es nicht laufen«, kommentiert der Student heiter, »aber die NASA testet mit der DART-Mission aktuell, wie sich Kometen aus ihrer Flugbahn werfen lassen, damit wir die Erde besser schützen können. Wir Europäer bauen mit unserer HERA-Mission auf diesen Erkenntnissen auf. Weil die Menschheit statistisch gesehen etwa alle eine Million Jahre von einem solchen Ereignis bedroht ist.«
Er macht eine Pause.
»Neben dieser Strategie gibt es eine weitere Option, wie unsere Spezies überleben könnte.«
Stille. Es erscheint ein anderer Planet auf der Kuppel. Rot, staubig und leblos.
Der amerikanische Entrepreneur Elon Musk wird eingeblendet: »Hallo, ich hoffe, auf dem Mars zu sterben, nur bitte nicht beim Landeanflug.«
Lacher im Saal.
Mary überlegt. Auf dem Mars sterben. Das ist sein Ziel. Was sagt das über uns? Auf dem Mars gibt es keine Luft zum Atmen, kein Trinkwasser und minus 60 Grad Außentemperatur.
Die Filmszene wechselt. Ein Gewächshaus auf dem Mars. Durch die Fenster sieht man die schwarze Nacht des Universums.
Milliardäre bauen Raketen, um auf den Mars zu fliegen. Und aus welchen Steuern finanzieren wir die Energiewende? Vielleicht ist »multiplanetare Spezies« nur ein anderes Wort für Flucht.
In diesem Moment geht das Licht an. Mary blinzelt kurz und klatscht mit.
Zum Schluss bedankt sich Marys Informatikprofessor höflich und verabschiedet die Gruppe: »Was heute als Science Fiction beginnt, wird morgen als Bericht abgelegt. Unsere Neugier ist der Motor, der unseren Forscherdrang antreibt. Jede Mission erweitert unser Wissen über den Weltraum und unsere Verantwortung. Bei jeder Mission spielt Software eine kritische Rolle. Und wie man das programmiert, lernen Sie ab morgen. Einen schönen Abend.«
Mary folgt den anderen nach draußen. Ein kurzes Winken, dann geht sie ihres Wegs. Die Luft ist abgekühlt. Der Himmel über Garching ist erstaunlich klar. Dort, zwischen den hellen Sternen, leuchtet der Halbmond mystisch.
Menschen waren dort. Sie haben Fahnen in den Staub gerammt. Aber der Mond steuert Ebbe und Flut auf der Erde.
In der U6 Richtung Innenstadt schließt Mary die Augen. Die Sonne, die alles verschlingt. Die Erde, die verglüht. Der Mars, der uns retten soll. Die Planeten fahren Karusell in ihren Gedanken. Dann schaut sie auf ihr Handy und liest eine Nachricht von Katharina auf Signal:
Katharina: Hi Mary, wie war es im Planetarium?
Mary: Kosmisch. Buchstäblich. Aber irgendwie auch traurig.
Katharina: Warum?
Mary: Alle träumen davon, zum Mars zu fliegen – aber keiner spricht darüber, wie wir die Erde bewahren können.
Katharina: LOL. Wieso sollten sie im Planetarium darüber sprechen? Treffen wir uns an der Münchner Freiheit und gehen was trinken?
Mary: Ja, total gern.
Katharina: In 30 min da.
Mary: Perfekt, bis gleich.
Als sie auf dem Vorplatz der Münchner Freiheit auf Katharina wartet, duftet es nach thailändischem Essen aus dem nahen Restaurant.
Meine Zukunft beginnt nicht im All, denkt Mary.
Sondern hier auf der Erde.







