Marys WG, Schwabing. 4:59 Uhr. Mary ist bereits wach, als ihr Wecker eine Minute später klingelt. Seit drei Monaten steht sie um fünf auf für ihr heiliges Morgenritual. Nicht weil Salomon es ihr einflüstert, sondern weil sie es möchte. Ihr Körperrhythmus hat sich daran gewöhnt: acht Stunden Schlaf, von neun bis fünf, wie ein Schweizer Uhrwerk.
Sie schiebt die Decke zurück, geht in die Küche, setzt Wasser auf. Kein Kaffee. Kein Energydrink. Ihr Körper ist ein koffeinfreier Tempel geworden, der felsenfest steht.
Die Ärztin hat gesagt: keine Verhandlung, denkt sie. Und ich gönne es mir, weil ich es mir wert bin.
Sie setzt sich ans Fenster, schließt die Augen, atmet tief ein und aus. Drei Minuten lang. Nicht mehr. Ein kleines Gebet als Dank – für den neuen Morgen, für alle, die an ihrer Seite sind, und für ihre Vorfahren.
Gegen halb acht schneidet sie ein Brot auf und öffnet das Glas Rhabarbermarmelade von Opa. Die Marmelade hat eine rubinrote Farbe. Sie schmeckt herb und süß zugleich, mit einer leichten Säure, die auf der Zunge tanzt. Frühling in einem Glas. Sie greift zum Handy und wählt eine Nummer.
»Claudia? Hier ist Mary. Mary Fischer.«
»Mary!« Dr. Liebebergs Stimme klingt warm. »Wie geht es dir?«
»Gut.« Eine kurze Pause. »Ich bin wieder fit und möchte Manage&More gern abschließen.«
Stille am anderen Ende. Dann: »Das freut mich sehr. Nächste Woche haben wir eine besondere Session. Gastrednerin ist Nicola Kolb von Sitegeist – kennst du sie?«
»Nicht persönlich. Sie baut Baustellenroboter mit ihrem Team, oder?«
»Genau. Nicola erzählt von ihrem Weg zur Gründung. Und danach machen wir eine Übung, die dir gefallen wird.« Eine Pause. »Es geht um Ikigai.«
Ikigai , denkt Mary. Japanisch. Klingt nach Sushi und Lebensweisheit.
»Ich bin dabei.«
Eine Woche später im Seminarraum der Lichtenbergstraße 6 in Garching. Jemand hat ein Fenster offen gelassen – von draußen weht ein leiser Windhauch herein, der den zarten Duft des Frühlings ankündigt. Mary setzt sich in die dritte Reihe. Nicht die erste, nicht die letzte. Ein guter Kompromiss.
Vorne steht eine junge Frau Ende zwanzig mit einer neon-orangen Warnweste. Dunkle Haare, wache Augen. Kein Start-up-Hoodie. Keine Buzzwords.
»Ich bin Nicola«, sagt sie. »Wir bauen Roboter, die Baustellen revolutionieren.«
Sie erzählt kompakt: Bachelor an der TH Ingolstadt in Kooperation mit BMW, dann Master in Robotics an der TUM. »Ich wollte gründen – aber mir fehlten zwei Dinge: eine Idee und ein Team. Also habe ich promoviert. Das war für mich wie eine Mini-Gründung.«
Sie spricht über marode Brücken und den Sanierungsstau. »Viele bleiben bei der Kritik. Wir arbeiten an der Lösung.«
Idee + Team + Machen statt Meckern, notiert Mary.
Nach Nicolas‘ Präsentation, für die sie viel Applaus bekommt, übernimmt Dr. Claudia Liebeberg.
»Nicola hat von der Idee und dem Team gesprochen«, sagt sie. »Aber was kommt davor? Was sollte man wissen, bevor man ein Start-up gründet?«
Sie nimmt einen roten Marker und schreibt an das Whiteboard: Ikigai.
»Japanisch für Lebenssinn. Das, wofür es sich zu leben lohnt.«
Claudia zeichnet vier sich überschneidende Kreise. »Was liebst du? Worin bist du gut? Was braucht die Welt? Wofür wirst du bezahlt? In der Mitte, wo sich alle vier treffen – da liegt dein Ikigai. Wenn diese Motivation mit deiner Geschäftsidee übereinstimmt, entsteht ein starker Founder-Idea-Fit.«
Founder-Idea-Fit, denkt Mary. Klingt wie ein Dating-Profil für Gründerinnen.
»Konosuke Matsushita, der Gründer von Panasonic, hatte eine Vision: nützliche Produkte so günstig machen wie Leitungswasser. Nicht Luxus für wenige – gute Grundversorgung für alle.«
Leitungswasser, denkt Mary. Kein Bentley. Keine Yacht.
»Und Kihachiro Onitsuka ist der Gründer von ASICS: Der Name steht für ›Anima Sana In Corpore Sano‹ – eine gesunde Seele in einem gesunden Körper. Er fertigte Schuhe nicht, weil er Schuhe liebte, sondern weil er glaubte, dass Sport der Seele guttut. Das war sein Ikigai.«
Sein Warum war größer als sein Produkt, denkt Mary.
»Aber hier kommt der wichtige Teil«, sagt Claudia. »Ikigai ist kein Ziel, das man abhakt. Es sind Fragen, die man immer wieder in seinem Leben reflektieren kann.«
Sie verteilt Arbeitsblätter. Vier Fragen, vier leere Felder.
Mary schließt die Augen. Sieht sich als Kind im Schrebergarten. Barfuß zwischen den Hochbeeten. Das tiefe Summen der Bienen. Der warme Wachsgeruch der Beuten.
Was liebst du? Die Bienen. Opas Garten. Die Natur.
Worin bist du gut? Programmieren. Logisches Denken. Die Wetterstation mit Opa. Verbundenheit, Tatkraft, Wissbegier.
Was braucht die Welt? Sie denkt an die Krefelder Studie, die sie letzte Woche gelesen hat: 76 Prozent weniger Fluginsekten in 27 Jahren. Beim Lesen hatte sie kurz die Hand auf den Bauch gelegt, als wäre die Zahl körperlich spürbar geworden. Eine stille Krise, für die es keine Lösung gibt.
Wofür kannst du bezahlt werden? Honig verkaufen, Wetterstationen vertreiben, Werkstudentin bei Angsa; mein Code ist wertvoll.
Als das Seminar endet, schreibt Mary an Katharina auf Signal:
Mary: Hey. Hast du heute Abend Zeit? Olympiapark?
Die Antwort kommt sofort:
Katharina: Klar. 18 Uhr am Fernsehturm?
Die Manage&More Session ist bereits vorbei und die Sonne steht tief über dem Olympia Park. Mary kommt fünf Minuten nach 18 Uhr am Fuß des Fernsehturms an. Der April hat München in ein Blütenmeer verwandelt. Katharina kommt mit zwei Flaschen Radler in der Hand. Sie umarmen sich.
»Vom Kiosk«, sagt Katharina. »Ich dachte, wir können das gebrauchen.«
Die Flaschen sind kalt und beschlagen. Mary umfasst eine – das Glas ist angenehm kühl an ihrer Handfläche.
Sie gehen in den Ostteil des Parks, wo die Kirschbäume stehen – ein Geschenk der japanischen Partnerstadt Sapporo an München. Die Blüten leuchten rosa und weiß im Abendlicht, so zart, dass sie fast durchsichtig wirken. Ein leiser Wind trägt einzelne Blütenblätter über den Weg.
»Die Natur ist zauberhaft«, sagt Katharina leise.
»Lass uns auf den Berg gehen.«
Die beiden gehen über eine Brücke und hoch auf den Olympiaberg, der kein richtiger Berg ist. Sechzig Meter hoch, aufgeschüttet aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs.
Wie die Brücke zwischen Katharina und mir, die wieder aufgebaut ist, freut sich Mary innerlich.
Aber von oben sieht man die ganze Stadt: das Zeltdach des Stadions, den Fernsehturm, die Alpen am Horizont – jetzt, im Abendlicht, mit einem rosa Stich, der nicht ganz real wirkt.
Sie lassen sich ins Gras fallen. Katharina öffnet die Radler. Das Zischen klingt wie ein kleines Signal: Feierabend.
»Cheers«, sagt sie. »Erzähl. Was war los bei dir heute?«
Mary nimmt einen Schluck. Kalt, süß, mit dem Hauch von Zitrone.
»Ikigai war los, das ist japanisch für Lebenssinn«, sagt sie. »Vier Kreise: Was du liebst. Worin du gut bist. Was die Welt braucht. Wofür du bezahlt werden kannst. Wo sich alle vier treffen – das ist dein Ikigai.«
Katharina nickt langsam. »Simpel und logisch. Und was ist deins?«
Mary schaut hinunter auf die Kirschbäume im Park. Rosa-weiße Wolken im Abendlicht.
»Natur«, sagt sie. »Technologie. Bienen.« Eine Pause. »Ich weiß noch nicht genau, was daraus werden soll. Aber ich spüre, dass da etwas ist.«
Katharina schweigt einen Moment. Dann:
»Weißt du, was lustig ist? Diese Kirschbäume hier – die sind aus Sapporo, Japan. Und wir sitzen hier und reden über ein japanisches Konzept. Der Kreis schließt sich.«
Mary lächelt. »Zufall?«
»Vielleicht.« Katharina trinkt einen Schluck. »Oder ein Zeichen. Kirschblüten, Ikigai, Bienen. Fehlt nur noch ein Samurai.«
Mary lacht. Es fühlt sich gut an – dieses Lachen. Leicht. Wie die Blütenblätter, die der Wind behutsam über die Wege streut.
»Was mich heute am meisten beeindruckt hat«, sagt Mary, »sind die Beispiele. Matsushita, der Gründer von ASICS, wollte nicht in erster Linie reich werden. Er wollte nützliche Produkte so billig machen wie Leitungswasser. Es ging nicht um Bentleys. Um Yachten. Sondern um Leitungswasser.«
»Leitungswasser«, wiederholt Katharina nachdenklich.
»Und dann hat er Schuhe gefertigt, nicht weil er Schuhe liebte. Sondern weil er glaubte, dass Sport der Seele guttut.« Mary schüttelt den Kopf. »Sein Warum war größer als sein Produkt. Das ist der Unterschied.«
Die Sonne sinkt tiefer. Der Himmel wird orange, dann rosa. Die Alpen glühen.
»Und du?«, fragt Katharina. »Woran glaubst du?«
Mary überlegt.
»Ich glaube nicht, dass Technologie die Lösung von allem ist. Aber ein mächtiges Mittel zum Zweck.« Sie denkt an die 76 Prozent. An Opas verlorene Völker. »Die Bienen sterben. Das Ökosystem kollabiert. Und ich kann programmieren. Vielleicht gibt es einen Weg, beides zu verbinden.«
Katharina sagt nichts. Aber sie nickt.
Unten im Park gehen die ersten Laternen an. Ein Blütenblatt landet auf Marys Arm – weich wie Papier, kühl wie der Abend. Sie lässt es liegen.
»Weißt du«, sagt Katharina schließlich, »ich verstehe nicht viel von Bienen. Aber ich verstehe etwas von Business. Und von dir.« Sie dreht sich zu Mary. »Wenn jemand einen Weg findet, Technologie und Natur zu verbinden, dann du.«
Mary spürt, wie sich etwas in ihrer Brust weitet.
»Danke«, sagt sie leise.
Ikigai gibt keine Antwort, denkt sie. Es liefert den Anlass, um die richtigen Fragen zu stellen.
»Hey«, sagt Katharina. »Wollen wir nächste Woche in den Schrebergarten gehen?«
Mary lächelt. »Ich zeig dir die Bienen.«
»Deal.«










