Im Schrebergarten duftet es am Sonntagnachmittag nach Lindenblüten. Mary schiebt das rostige Gartentor auf, es quietscht wie immer. Sie sieht Opa Manfred am Bienenstock stehen. Er trägt seine beige Cordhose und das Flanellhemd, die Hände bewegen sich langsam und bedächtig.
»Opa!«
Er dreht sich um. Lächelt. »Mary. Schön, dass du kommst.«
Sie umarmt ihn. Ein Duft aus Honig und Holzrauch umgibt ihn. Seit ihre Eltern gestorben sind, als sie noch keine dreizehn Jahre alt war, ist dieser Geruch ihr Zuhause.
»Ich habe Neuigkeiten«, sagt sie.
»Erzähl.«
»Ich wurde bei Manage&More genommen! Und habe einen Job bei Angsa Robotics.«
Und dann tut Mary etwas, das sie lange nicht mehr getan hat: Sie tanzt. Nicht elegant, nicht choreografiert, eher wie eine Biene, die den anderen den Weg zu einer besonders guten Blüte zeigt. Der Schwänzeltanz. Arme in der Luft, Hüften im Kreis, ein Rhythmus, den kein Tanzlehrer je gesehen hat.
Opa macht mit.
»Der Schwänzeltanz! Das hast du lange nicht mehr gemacht.«
»Ich weiß.« Mary bleibt stehen, außer Atem, das Herz noch im Galopp. Aber glücklich. Wirklich glücklich. »Drei Semester, Opa. Persönlichkeitsentwicklung, echte Firmenprojekte. Nur 40 Leute pro Jahrgang. Und einen Job im Start-up. Bestes Wochenende ever.«
Opa nickt. Seine Augen blicken Mary warm an. »Ich freue mich für dich, bravo!«
Sie setzen sich auf die Bank unter der alten Linde. Dieselbe Bank, auf der sie als Kind gesessen hat, während Opa ihr erklärte, wie Bienen tanzen. Der Schwänzeltanz ist Kommunikation durch Bewegung.
Wenn Bienen programmieren könnten, denkt Mary, wären sie die besten Softwareentwickler der Welt. Klare Kommunikation, kein Bullshit, direkte Ergebnisse.
»Und jetzt?«, fragt Opa.
»Jetzt fängt es an. Nächsten Monat ist die erste Session.«
Opa schweigt einen Moment. Eine Biene summt an ihnen vorbei und landet auf einer Lavendelblüte. Er beobachtet sie, wie er alles beobachtet – geduldig und aufmerksam.
Dann fragt er: »Was ist dein Motiv?«
Mary öffnet den Mund. Schließt ihn wieder.
»Mein Motiv wofür?«
»Niemand ist frei, der nicht sein eigener Herr ist.« Opa blickt ihr tief in die Augen. »Das Studium. Manage&More. Angsa. Was treibt dich an?«
Mary überlegt. »Ich will vorwärtskommen. Mir Wissen aneignen. Geld verdienen. Erfahrungen sammeln.«
»Das sind eher Ziele«, unterbricht Opa sanft. »Ich frage nach deinem Motiv. Vom lateinischen movere. Was bewegt dich? Was ist dein Motor?«
»Ist das nicht dasselbe?«
»Nein.« Er schaut liebevoll auf die Biene. »Ein Ziel ist, wohin du willst – zum Beispiel reich werden. Ein Motiv ist, warum du überhaupt reich werden willst. Es könnte sein, um dir Dinge zu kaufen. Aber warum willst du dir diese Dinge kaufen? Vielleicht, um unabhängig und frei zu sein? Freiheit wäre dann dein Motiv.«
Ein Motiv, denkt Mary.
Sie schweigt.
Sie denkt an die Dusche heute Morgen. An die Frage, die ihr durch den Kopf ging: Was motiviert mich eigentlich?
»Ich weiß es nicht«, sagt sie schließlich. Ihre Stimme ist jetzt geerdet. Ehrlich. »Ich dachte, ich wüsste es. Aber wenn ich wirklich darüber nachdenke – ich weiß nicht, warum ich das alles mache. Vielleicht bin ich auch abhängig von den Erwartungen anderer Menschen. Ich weiß gar nicht, was meinem Wesen wirklich entspricht.«
Opa legt seine Hand auf ihre. »Das ist ein guter Anfang.«
»Ein Anfang wovon?«
»Herauszufinden, wer du bist.« Er deutet auf den Waldweg hinter dem Garten. »Wie wäre es mit einem Spaziergang? Die Natur hilft beim Denken.«
Mary steht auf. »Und wenn ich keine Antwort finde?«
»Dann findest du vielleicht eine bessere Frage.«
Der Waldweg hinter dem Schrebergarten führt zur St.-Emmeram-Brücke und auf die andere Seite der Isar. Mary kennt das Gebiet seit ihrer Kindheit. Hier hat sie als Mädchen Feen gesucht, Stöcke wurden zu Zauberstäben. Hier hat sie manchmal geweint, wenn die Trauer über den Verlust ihrer Eltern sie eingeholt hat.
Als sie die Bronzefigur des Heiligen Emmeram sieht, biegt sie links ab, den kleinen Pfad hinunter zur Isar. Die Bäume werden dichter, das warme Licht schimmert durch das Blätterdach und funkelt auf dem Wasser. Dann hört sie es: ein leises Rauschen. Aus einem Steinbogen strömt Wasser in zwei Kanäle hin zur Isar.
Die Quelle. Fast vergessen. Früher war sie häufig hier, hat Flaschen gefüllt und behauptet, das sei Zauberwasser. Opa hat sie nie korrigiert. Nur gelächelt und gesagt: »Alles Wasser ist Zauberwasser. Ohne Wasser gibt es kein Leben.«
Mary kniet sich an den Rand. Das Wasser sprudelt aus der Gewölbeöffnung hervor, klar und kraftvoll. Sie taucht die Hand hinein. Es ist so kalt, dass es fast wehtut.
Eine Quelle, denkt sie. Der Ursprung. Der Ort, von dem etwas ausgeht.
Sie schaut zu, wie das Wasser unaufhörlich sprudelt. Es versorgt die Kanäle, die Isar, die Äcker. Die Tiere, die hier trinken. Am Ende auch sie. Menschen bestehen zu siebzig Prozent aus Wasser.
Und Wasser kommt aus einer Quelle. Aber was ist meine?
Sie denkt an ihre Kommilitonen.
Karriere, Gehalt, Status. An andere, die von Impact reden, von Mission, von Naturschutz. Jeder hat scheinbar einen Motor. Aber hat sie selbst einen – oder folgt sie bisher nur dem nächsten Ziel?
Geld verdienen. Täglich lernen. Etwas aufbauen. Ja. Aber warum? Opa hatte recht. Das sind Ziele. Kein Motiv.
Sie schließt die Augen. Lässt die Gedanken kommen und gehen.
Positiven Impact schaffen und Sinn erleben.
Ja. Das. Als Karl gesagt hatte: »Morgens kommen wir mit einem Fehler. Abends gehen wir mit einer Lösung.« Das hatte sich perfekt angefühlt.
Etwas Eigenes aufbauen, unabhängig sein. Auch das. Die Wetterstationen mit Opa. Ihr Code, ihre Ideen, ihre eigenen Entscheidungen.
Mission verfolgen und etwas hinterlassen.
Sie öffnet die Augen. Schaut auf das Wasser, das nie aufhört zu fließen.
Eine Quelle hinterlässt keine Spuren, denkt sie. Sie ist die Spur. Sie gibt einfach. Immer. Für andere.
Sinn. Das ist es. Nicht nur Geld verdienen. Sondern etwas Sinnvolles bewegen.
Mary steht auf. Wischt sich die nassen Hände an der Jeans ab. Der Groschen ist gefallen. Als sie zurückkommt, sitzt Opa noch immer auf der Bank unter der Linde. Er hat zwei Gläser Apfelsaft hingestellt.
»Und?«, fragt er. »Antwort gefunden?«
Mary setzt sich. »Ich glaube schon. Ob sie stimmt, weiß ich nicht.«
»Was ist es?«
»Positiven Impact schaffen und Sinn erleben.« Sie nimmt das Glas, trinkt. Der Saft ist kühl und süß. »Das ist mein Motiv.«
Opa nickt langsam. »Das ist ein gutes Motiv.«
Dann schaut er auf die Bienen. »Weißt du, warum Bienen tanzen?«
»Um den anderen zu zeigen, wo die Blüten sind.«
»Ja. Aber nicht nur.« Er dreht sich zu ihr. »Sie tanzen auch, weil sie nicht anders können. Weil die Freude über die Entdeckung so groß ist, dass sie raus muss. Der Tanz ist nicht nur Information. Er ist Ausdruck eines Lebensgefühls.«
Mary denkt an ihren Schwänzeltanz vorhin. An die Freude, die einfach raus musste.
»Vielleicht«, sagt Opa, »ist dein Motiv nicht etwas, das du suchst. Sondern etwas, das dich findet. Wie das Wasser, das aus der Quelle kommt.«
Mary schweigt.
»Opa«, sagt sie dann. »Wann bauen wir eigentlich an der Wetterstation weiter?«
Er lächelt. »Bald?«
»Nein.« Sie schüttelt den Kopf. »Nicht bald. Nächstes Wochenende. Ich komme vorbei.«
Opa hebt sein Glas. »Prost, meine Mary.«
Sie stoßen an.
Ich kannte meine Ziele, denkt sie. Aber nicht mein Motiv. Jetzt bin ich mir sicher.










