Freitag, zweite Januarwoche. Angsa Robotics, Gollierstraße 15, Büro Zweites Obergeschoss. Das neue Jahr ist noch keine zwei Wochen alt. Neben Marys Laptop steht der zweite Energydrink des Tages. Es ist 14 Uhr.
Sie kennt den Geschmack schon im Voraus: metallisch-süß, mit diesem chemischen Nachklang, der auf der Zunge haften bleibt. Ihr Magen meldet leisen Widerspruch. Sie trinkt trotzdem.
Letzte Nacht hat sie bis 2 Uhr für die Prüfungen gelernt. Algorithmen. Formeln, die vor ihren Augen verschwommen sind.
Zu Beginn ihres Studiums hielt ihr Akku länger. Damals konnte sie nach einer Nacht mit fünf Stunden Schlaf den ganzen Tag durcharbeiten. Jetzt fühlt es sich an, als würde der Akku schneller leerlaufen. Nachts aufgeladen, mittags schon auf 20 Prozent runter.
Kann man den Akku wie beim Handy austauschen?, denkt sie.
Der Tag ist komplett zersplittert. 9 Uhr Stand-up. 9:30 Slack. 10 Uhr Treffen mit Karl. 10:15 E-Mail vom Professor. 11 Uhr Team-Meeting. 12:30 Mittagspause am Laptop. Jetzt: 21 ungelesene Nachrichten.
Mein Kalender sieht aus wie ein Tetris-Spiel, denkt Mary. Nur dass bei Tetris die Reihen irgendwann verschwinden. Bei mir stapeln sie sich nur.
Das Treffen mit Karl um 10 Uhr ist anders gewesen als die anderen Meetings.
Karl ist der Software-Lead bei Angsa. Er hat Marys Aufgabenliste gesehen – ein Chaos aus Post-its und Notion-Einträgen – und alles ohne irgendeine Aussage. Er hat nur einmal kurz hingeschaut. Dann: »Mary, ich sehe, dass du viel machst. Aber machst du auch das Wichtige?«
Die Frage steht seitdem im Raum.
»Effektivität heißt nicht, viele Dinge zu tun«, hat er gesagt. »Es heißt, die wichtigen Dinge zu tun. Kennst du die Eisenhower-Matrix?«
Er hat ein Kreuz auf ein Blatt Papier gezeichnet. Vier Quadranten.
»Jede Aufgabe hat zwei Dimensionen: Ist sie wichtig? Ist sie dringend?« Er hat die Felder beschriftet:
|
Quadrant |
Definition |
Handlung |
|
Wichtig & dringend |
Krisen, Deadlines, echte Probleme |
Heute selbst erledigen |
|
Wichtig, nicht dringend |
Strategie, Beziehungen, Entwicklung |
Termin im Kalender blocken |
|
Dringend, nicht wichtig |
E-Mails, Slack, Meetings, externe Anfragen |
Delegieren |
|
Weder noch |
Ablenkung, Gewohnheiten ohne Nutzen |
Streichen |
»Das Problem: Die meisten Leute verbringen ihre Zeit im dritten Quadranten. Dringend, aber nicht wichtig. E-Mails. Slack. Meetings, die auch eine Nachricht hätten sein können.«
Mary hat an ihren Vormittag gedacht. Stand-up. Slack. Meeting. E-Mail. Meeting.
Alles dringend. Aber auch wichtig?
»Denk jede Aufgabe vom Ende her«, hat Karl gesagt. »In welches Ziel zahlt sie ein? Wir nennen das Definition of Done.« Er hat ihr das Blatt Papier zugeschoben. »Mach das jeden Freitag. Plane die kommende Woche. Papier ist verbindlicher als ein Bildschirm. Und wenn dein Zettel am Freitag schon voll ist – dann musst du lernen, Nein zu sagen.«
Da war es wieder. Das Nein-Sagen.
14 Uhr. Büro, offener Arbeitsbereich.
Lukas setzt sich neben sie. CEO von Angsa, 29, gerade mitten im Fundraising. Er schaut auf Marys Bildschirm. Slack. E-Mail. Notion. Zwölf offene Tabs.
»Zweiter Energydrink?«
»Ja. Der dritte ist für später. Für die Nachtschicht.«
»Wie viel hast du letzte Nacht geschlafen?«
»Genug.«
Er sieht sie kurz an. Sagt nichts dazu.
»Weißt du, Gründertum ist ein emotionaler Rollercoaster«, sagt er dann. »Gerade beim Fundraising: Letzte Woche denken wir, ein Investor springt ab. Diese Woche sieht es wieder gut aus. Am Anfang dachte ich, ich kann das ausgleichen – die Hochs nicht zu hoch, die Tiefs nicht zu tief.« Er schüttelt den Kopf. »Das geht nicht. Man muss die Fahrt annehmen.«
Er lehnt sich zurück.
»Ich habe mal ein Buch gelesen – Deep Work von Cal Newport. Seine These: Wirklich wertvolle Arbeit entsteht nur in Phasen absoluter Konzentration. Er nennt das Deep Work – konzentrierte Arbeit an schwierigen Problemen, ohne jede Ablenkung. Das Gegenteil ist Shallow Work: E-Mails, Meetings, Administratives.«
»Klingt nach Luxus«, sagt Mary.
»Eher nach Notwendigkeit. Newport sagt: Die meisten Leute verbringen 60 Prozent ihrer Zeit mit Shallow Work. Und wundern sich dann, warum sie am Ende des Tages das Gefühl haben, nichts geschafft zu haben.«
60 Prozent, denkt Mary. Bei mir sind es wahrscheinlich 85.
»Das Gehirn braucht Zeit, um in einen Flow zu kommen. Jede Unterbrechung wirft dich zurück. Deshalb: Nutze Timeboxing.« Er zeigt auf seinen Kalender. Farbige Blöcke, klar abgegrenzt. »Feste Zeitfenster für feste Aufgaben. Weißt du, warum ein Fußballspiel 90 Minuten dauert? Zwei Halbzeiten, 15 Minuten Pause. Das ist kein Zufall. Konzentration, dann Erholung, dann wieder Konzentration.«
Mary reflektiert ihren Tag. Kein Anpfiff. Keine Halbzeit. Keine Pause. 400 Minuten gespielt und immer müder geworden.
»Deep Work braucht Blöcke von mindestens 90 Minuten«, sagt Lukas. »Ohne Unterbrechung. Kein Slack, keine E-Mail, kein Handy. Nur du und die Aufgabe.«
»Karl hat mir heute die Eisenhower-Matrix gezeigt«, sagt Mary.
»Guter Mann.« Lukas lacht kurz. »Und? Wie viele deiner Aufgaben sind im ersten Quadranten?«
Schweigen.
»Die Lösung ist nicht nur die Matrix«, sagt Lukas. »Die Lösung ist vor allem das Nein-Sagen. Wenn du zu allem Ja sagst, ist die Matrix immer übervoll.«
»Ich weiß. Aber jedes Mal, wenn jemand fragt …«
»… sagst du Ja.«
»Ja.«
»Das ist vermutlich Teil des Problems.«
Er dreht seinen Laptop zu ihr. Eine E-Mail-Vorlage, die Karl als Entwurf gespeichert hat und immer wieder verwendet, wenn er sich dazu entscheidet, Nein zu sagen.
Guten Tag [Name],
ich danke dir, dass du mich für [Anfrage] in Betracht ziehst.
Derzeit ist meine Arbeit auf [aktuelle Priorität] konzentriert und ich kann dir deshalb gerade nicht helfen.
Mögliche Alternativen: In vier Wochen erneut melden – oder [Kollege/Kollegin] kontaktieren, der/die sich damit auskennt.
Beste Grüße, [Name]
»Ein Nein ist ein Ja zu deinen aktuellen Prioritäten. Das ist kein Egoismus. Es ist Treue zu deinen Verbindlichkeiten.«
»Das klingt so … professionell«, sagt Mary.
»Es ist auch ehrlich. Du sagst nicht: Ich will nicht. Du sagst: Ich kann gerade nicht, aber hier ist ein Weg.«
Er klappt den Laptop zu.
»Und jetzt Feierabend. Es ist Freitag.«
Mary steigt in die Tram Richtung Marienplatz. Sie sitzt eingequetscht zwischen einer Frau mit Kinderwagen und einem Mann, der Musik hört. Draußen ist es dunkel.
Januar eben, 18 Uhr und schon Nacht.
Die Lichter der Stadt ziehen an Mary vorbei. Sie hat die Methoden verstanden. Eisenhower-Matrix. Timeboxing. Nein-Sagen. Aber verstehen ist nicht gleich tun.Sie öffnet ihr Notizbuch. Der Silvester-Vorsatz: Katharina anrufen.
Mary beginnt in ihr Handy zu tippen: »Hey, ich wollte nur …«
Dann löscht sie es. Warum? Weil sie nicht weiß, was sie sagen soll. Weil die Prüfungen in zwei Wochen sind. Weil Salomon flüstert: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.
In ihrer Tasche: der dritte Energiedrink. Für später. Für die Formeln, die heute Nacht wieder vor ihren Augen tanzen werden. Ihr Akku ist bei 10 Prozent. Der echte – und der metaphorische. Karl hat gesagt: Ich sehe, dass du viel machst. Aber machst du auch das Wichtige?
Mary schaut aus dem Fenster. Ihr eigenes Gesicht spiegelt sich im Glas der Trambahn-Scheibe. Müde. Aber wach.
Ich muss Gas geben im Studium, denkt sie. Nur die Harten kommen in den Garten.










