Dienstagmittag. Gestern volles Programm: Informatikkurse am Vormittag, neuronale Netze trainieren bei Angsa am Nachmittag. Heute: Manage&More. Dazwischen: schlafen und essen. Jetzt sitzt Mary vor dem Café Novumon in Garching und ihr Kopf ist voll.
Erkenntnisse aus der letzten Vorlesung. Inspirationen aus dem Job. Der Podcast »The a16z Show«, den Tom ihr empfohlen hat. Ungelesene Nachrichten auf Signal. Bestellungen für Wetterstationen. Drei Zettel mit To-dos.
Mein Gehirn ist ein Flohmarkt, denkt sie. Alles da, nichts strukturiert.
Ihr linker Ellenbogen ist auf der Tischkante abgestützt, die Hand hält ihren Kopf. Der Kaffee in der rechten Hand ist nur noch lauwarm. In diesem Moment steigt Tom aus dem Bus. Er sieht sie, winkt und kommt herüber.
»Mary. Du siehst aus, als ob dir der Kopf raucht.«
»Hi Tom.« Sie hält das Notizbuch kurz hoch. »Ich muss mich dringend strukturieren.«
Tom setzt sich. »Ich verlege meine Sachen nicht – ich gebe ihnen die Freiheit, die Welt zu erkunden. Und manchmal finden sie den Weg zurück.«
Beide lachen.
»Fallen dir manchmal Bälle herunter?«, fragt Tom.
»Mir ist das schon passiert«, gibt Mary zu.
»Mir auch. Bis mein Freund Matthias mir sein System verraten hat.« Tom öffnet seinen Laptop geheimnisvoll. »Soll ich’s dir zeigen? Wir haben noch dreißig Minuten.«
»Komm, rutsch rein.«
Tom öffnet eine App namens Notion. Der Bildschirm leuchtet hell im Mittagslicht.
»Wissen ohne Struktur und Zugriff ist nutzlos«, sagt er.
Stimmt, denkt Mary. Ich lese Skripte, höre Podcasts, mache Notizen – aber meine Ideen sind verstreut in Mails, Ordnern, Notizbüchern und Chats. Wenn ich nach einer Information suche, finde ich sie manchmal nicht mehr. Oder suche sehr lange danach.
Manchmal bin ich so gut im Verstecken, dass ich sie selbst nicht mehr finde. Ist das ein Talent?
»Das Konzept heißt Second Brain«, erklärt Tom. »Von Tiago Forte. Ein digitales Wissensarchiv, das dein echtes Gehirn entlastet.«
Er zeigt ihr das PARA-System. Vier Kategorien.
Projekte – mit Start und Ende. Wetterstationen, Uni-Projekte. Abteilungen – konstant laufend. BAföG, Steuererklärung, Buchhaltung. Ressourcen – Wissen, das bleibt. Motive, Werte, Sprache, Lieblingswanderungen. Archiv – alles, was erledigt ist und nicht mehr gebraucht wird.
»Kannst du für jede Kategorie ein Beispiel aufschreiben?«, sagt Tom.
Mary schreibt. Es geht schnell.
»Klasse – genau so.« Tom nickt. »Und jetzt lädst du die App herunter. Kostenlos, synchronisiert auf allen Geräten.«
Mary installiert Notion auf Handy und Laptop. Sie sucht sich ein Template, passt die Struktur an. Fünfzehn Minuten sind vergangen, seit Tom aus dem Bus gestiegen ist.
Einige Steinchen sind schon aus meinem Rucksack entfernt, denkt sie.
»Und wie speichere ich etwas Neues?«, fragt sie.
»Erst mal alles in die Inbox – Links, Texte, Bilder, Dokumente. Abends zehn Minuten: einräumen, Tags vergeben. Freitags dreißig Minuten: alles Neue durchlesen, nur die Essenz behalten – ungefähr zehn Prozent. Die Texte verdichtest du mit KI zu einer kurzen Zusammenfassung. Eine Notion-Seite kannst du dann ganz leicht mit anderen teilen.« Tom streicht sich kurz übers Ohrläppchen, so wie er es immer tut, wenn er etwas auswendig aufsagt. »Tiago nennt das den SOVT-Prozess: Speichern, Organisieren, Verdichten, Teilen.«
Mary notiert. »Danke, Tom. Ich hole uns noch eine Bionade, bevor die Manage&More-Session beginnt.«
»Gern, danke.«
Abends sitzt Marys am Küchentisch in ihrer WG. Die Manage&More-Session ist längst vorbei. Sie hat ihren Laptop aufgeklappt und baut die PARA-Struktur weiter aus. Projekte. Abteilungen. Ressourcen. Archiv. Alles sauber. Alles logisch.
Das fühlt sich an wie Aufräumen, denkt sie. Nur ohne Staub.
Sie legt mehrere Datenbanken an. Eine für die Uni. Eine für Angsa. Eine für Projekte und Start-up-Ideen. Eine für Codeschnipsel. Eine für Bücher und Podcasts.
Ihre Mitbewohnerin schaut ihr kurz über die Schulter.
»Was machst du, Mary?«
»Ich organisiere mein Wissen.«
»Sieht aus wie professionelle Prokrastination.«
»Du meinst Produktivität.«
»Klar. Ich bin los zum Sport.«
Prokrastination oder Produktivität, denkt Mary, als sie wieder allein ist und einen Schluck Wasser trinkt. Ich baue ein System, von dem ich langfristig profitieren werde – statt mich auf meine Prüfungen vorzubereiten. Aber ja, 80 Prozent der Zeit fürs Tool, 20 Prozent für die eigentlichen Aufgaben. Das wäre eine schlechte Priorisierung. Vielleicht hat sie recht.
Mary klappt den Laptop zu.
Zwei Wochen später. U6, Richtung Garching.
Die Vorlesungen, der Nebenjob und Manage&More laufen auf Hochtouren. Marys Datenbanken sind gut befüllt. Vorlesungsnotizen, Research Paper, Aufgaben, Dokumente – alles verlinkt, getaggt, durchsuchbar. Sie findet jede Information auf Anhieb.
Ihr Gehirn arbeitet im Ruhezustand jetzt wieder bei zehn Prozent, denkt sie. Alle offenen Aufgaben dokumentiert. Deutlich weniger Überforderung. Danke, Tom.
Ihr First Brain schläft allerdings seit Tagen nicht mehr als fünf Stunden. Müde lehnt sie die Schläfe gegen die kalte Fensterscheibe des Waggons. Draußen zieht der Münchner Norden vorbei – Flachbauten, Gewerbegebiete, grauer Herbsthimmel.
Vielleicht sollte ich eine neue Datenbank für Schlaf anlegen.
Sie nimmt das Handy aus der Tasche, öffnet Notion, scrollt durch die Struktur. Projekte: vollständig. Abteilungen: vollständig. Ressourcen: vollständig. Archiv: vollständig. Dann stockt sie.
Katharina.
Kein Eintrag. Kein Projekt. Keine Ressource.
Wo sortiere ich eine kaputte Freundschaft ein? Unter »Archiv«?
Sie starrt auf den Bildschirm. Die Frage bleibt stehen.
Second Brain: läuft stabil. Mein Brain: entlastet, aber müde. Baue ich ein System für alles – außer für das, was wirklich zählt?
Als die U6 die Endhaltestelle am Forschungscampus erreicht, nimmt Mary ihren Rucksack und macht sich auf den Weg in den Hörsaal.










