David Hahn trägt weiße Sneakers und einen grauen Kapuzenpulli. Er ist CEO von remberg, 45 Mitarbeiter, gerade 15 Millionen Euro Funding eingesammelt. Er steht vorne im Seminarraum und fühlt sich als TUM-Alumnus sichtlich wohl an seiner Alma Mater.
»Die meisten Gründer und Gründerinnen scheitern nicht an der Idee«, sagt er. »Sie scheitern an sich selbst.«
Mary sitzt in der zweiten Reihe. Es ist die letzte Manage&More-Session vor Weihnachten. Draußen fallen die ersten Schneeflocken des Jahres.
»Wir bauen KI-gestützte Software für die Industrie«, erklärt David. »Stellt euch vor: Ein Techniker steht vor einer Maschine, die er noch nie gesehen hat. Früher musste er den alten Hasen anrufen, der seit dreißig Jahren dabei ist. Heute fragt er unsere KI – und bekommt die Antwort in Sekunden. Wir lösen zwei der größten Probleme unserer Kunden: Fachkräftemangel und Effizienz.«
Er erzählt von seiner ersten Krise. Covid. Der komplette Businessplan obsolet über Nacht. Die Pipeline zusammengebrochen.
»Wenn du so etwas einmal erlebt hast, bist du auf das nächste Ereignis besser vorbereitet«, sagt er. »Resilienz aufzubauen ist wie einen Muskel zu trainieren. Am Anfang erscheint ein Klimmzug unmöglich. Heute mache ich zehn vor dem Frühstück.«
Zehn Klimmzüge vor dem Frühstück, denkt Mary. Ich schaffe es gerade mal, vor dem Frühstück aufzustehen. Und das aktuell kraftlos.
David lehnt sich gegen das Whiteboard. »Eine Metapher, die ich nutze: Stell dir einen Soldaten vor, der zum ersten Mal an die Front muss. Er hat wahnsinnig viel Angst. Der Veteran hingegen bleibt cool, auch wenn es von überallher schießt.« Eine kurze Pause. »Aber selbst in Actionfilmen gibt es Momente, in denen auch der Veteran sich in die Hose macht. Dann weißt du: Jetzt ist es wirklich ernst.«
Einige lachen. Mary nicht. Sie denkt: Ist das nicht ein blödes Beispiel in der heutigen Zeit? Werde ich bald gemustert, eingezogen, trage Helm und halte eine P13 statt meinem Handy in der Hand?
»Das Allerwichtigste für mich«, fährt David fort, »ist: Schedule time to think. Nicht Deep Work, bei dem ich Aufgaben bearbeite. Sondern wirklich Zeit zum Nachdenken. Ohne Ablenkungen.«
Wann habe ich das letzte Mal wirklich in Ruhe nachgedacht?, fragt sich Mary. Nicht geplant. Nicht gelernt. Nicht optimiert. Einfach nur gedacht?
David spricht über Werte. Über eine klare Liste von Dingen, die nicht verhandelbar sind.
»Transparenz. Ehrlichkeit. Loyalität. Verletzlichkeit.« Er macht eine Pause. »Ich habe diese Liste nach einer persönlichen Krise definiert. Danach habe ich mich hingesetzt und gefragt: Was ist ein Kompromiss – und was ist absolut nicht verhandelbar?«
Mary denkt an Katharina. An die letzte Nachricht: Ich brauche gerade Abstand.
Nach Davids Vortrag, der unter großem Applaus endet, übernimmt Dr. Claudia Liebeberg.
Sie bedankt sich und macht dann am Whiteboard weiter. Dr. Liebeberg schreibt drei Wörter: Eric Berne. 1950er-Jahre.
»David hat von Werten gesprochen«, sagt sie. »Aber was hindert uns eigentlich daran, unsere Werte zu leben?«
Sie dreht sich um.
»Machen wir einen kurzen Ausflug in die Wissenschaft. Eric Berne, Psychiater, hat in den 1950er-Jahren in den USA die Transaktionsanalyse begründet – kurz TA. Der Kern: Jeder Mensch trägt drei innere Instanzen in sich. Das Eltern-Ich. Das Erwachsenen-Ich. Das Kind-Ich.«
Mary schreibt mit. Das klingt nach Psychologie-Erstsemester. Aber Claudias Stimme hat diesen Ton, der sagt: Jetzt wird es interessant.
»Bernes Kollege, der amerikanische Psychologe Taibi Kahler, hat in den 1970er-Jahren etwas Entscheidendes hinzugefügt.« Sie schreibt an die Tafel: Kahler, 1974/1977. »Er hat Hunderte Stunden Therapiegespräche ausgewertet – Mimik, Gestik, Wortwahl, Körperhaltung – und dabei fünf Muster gefunden. Er nannte sie innere Antreiber.«
Sie hält inne. Lässt den Begriff stehen.
»Antreiber sind keine bösen Stimmen. Sie sind verinnerlichte Botschaften aus der Kindheit – von Eltern, Lehrern, Bezugspersonen. Ursprünglich waren sie Überlebensstrategien. Sie haben uns Anerkennung gesichert. Das Problem: Sind wir Erwachsene, so laufen sie weiter. Automatisch. Auch wenn der Kontext längst ein anderer ist.«
Sie schreibt fünf Zeilen ans Board:
Sei perfekt! Beeil dich! Mach’s (anderen) recht! Sei stark! Streng dich an!
»Jeder Mensch hat alle fünf Antreiber«, fährt Claudia fort. »Aber einer ist meist dominant – der Primärantreiber. Und der zeigt sich besonders stark unter Stress.«
Eine Kommilitonin hebt die Hand. »Wie erkenne ich meinen?«
»An den Glaubenssätzen dahinter.« Claudia zeigt auf die Liste. »›Sei perfekt‹ sagt: ›Nichts ist so gut, dass es nicht noch besser ginge.‹ ›Beeil dich‹ sagt: ›Ich muss jetzt sofort fertig sein.‹ ›Mach’s recht‹ sagt: ›Wenn jemand unzufrieden mit mir ist, habe ich versagt.‹ ›Sei stark‹ sagt: ›Gefühle zeigen ist eine Schwäche.‹ Und ›Streng dich an!‹ sagt –« Eine kurze Pause tritt ein. »Man bekommt im Leben nichts geschenkt. Wenn es leicht ist, habe ich mich nicht genug bemüht.«
Mary starrt auf die fünfte Zeile. Streng dich an. Das ist ihr Inneres. In vier Wörtern.
»Kahlers Antreiber wurden in Hunderten von Therapie- und Coaching-Studien bestätigt«, sagt Claudia. »Sie sind kein Psycho-Bingo. Sie zeigen sich im Körper – in der Stimme, in der Haltung, in den Redewendungen, die man benutzt. Jemand mit dem Streng-dich-an-Antreiber sagt: ›Wenn wir uns Mühe geben … ›Jemand mit Sei-perfekt‹ sagt: ›Man muss noch berücksichtigen …‹«
Mary zieht die Augenbrauen zusammen und ihre Stirn legt sich in Falten.
»Und jetzt das Entscheidende«, fährt Claudia fort. »Zu jedem Antreiber gibt es einen Erlauber. Eine neue Botschaft, die der Antreiber nie gehört hat.«
Sie wischt die Liste weg und schreibt:
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Antreiber |
Erlauber |
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Sei perfekt! |
Gut ist gut genug. |
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Beeil dich! |
Du hast Zeit. |
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Mach’s recht! |
Deine Bedürfnisse zählen auch. |
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Sei stark! |
Es ist in Ordnung, Hilfe zu brauchen. |
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Streng dich an! |
Es darf auch leicht sein. |
»Erlauber sind keine Affirmationen, die man sich vor dem Spiegel aufsagt.« Claudias Stimme wird ruhiger. »Sie sind neue Annahmen. Hypothesen, die man ausprobiert. Das braucht Zeit.«
Schweigen im Raum.
»Hausaufgabe für die Weihnachtsferien«, sagt Claudia. »Geht ins Internet und macht den kostenlosen Test. Kostet fünf Minuten. Dann schreibt einen Satz auf: Was ist mein Primärantreiber? Was ist mein Erlauber? Und beginnt ihn aufzusagen. Mehr nicht.«
Mary spielt mit dem Stift in ihrer linken Hand.
»Manche von euch werden das lesen und nicken. Das reicht noch nicht. Das Muster zu kennen schwächt es noch nicht. Aber es ist der erste Schritt: Wenn der Antreiber das nächste Mal anspringt – und er wird anspringen –, könnt ihr ihn beobachten. Benennen. Und dann, mit der Zeit, wählen, ob ihr ihm folgen wollt.«
Am 23. Dezember in Opas Laube im Schrebergarten. Frost auf den Fenstern. Es duftet nach Zimt und Glühwein. Mary hat den Laptop auf dem Küchentisch und hat die Transaktionsanalyse online geöffnet. Sie benötigt sieben Minuten für fünfzig Fragen.
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Antreiber |
Ergebnis |
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Sei perfekt! |
ist stark ausgeprägt (45/50 Punkte) |
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Beeil dich! |
ist weniger ausgeprägt (29/50 Punkte) |
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Mach’s recht! |
ist weniger ausgeprägt (21/50 Punkte) |
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Sei stark! |
ist ausgeprägt (35/50 Punkte) |
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Streng dich an! |
ist stark ausgeprägt (43/50 Punkte) |
Sie liest die Beschreibung für den ›Streng dich an!-Antreiber‹
Jemand, der immer gerne und engagiert Aufgaben angeht. Glaubt, durch Mühe und Aktivität eine Lösung zu finden. Wenn ihnen etwas leichtfällt, sehen sie das als Zeichen, dass sie sich nicht wirklich bemüht haben.
Das erklärt die schlaflosen Nächte. Das Gefühl, nie gut genug zu sein. Das Streben nach Perfektion auch dann, wenn niemand hinschaut. Und sich immer anstrengen zu müssen.
Opa schaut auf den Bildschirm. »Was ist ein Antreiber?«
Mary erklärt. Opa hört zu, rührt den Glühwein um.
»Klingt wie das, was Pater Anselm über den inneren Kritiker schreibt«, sagt er. »Der Teil in uns, der denkt, er schützt uns. Tatsächlich macht er uns unfrei.«
»Und was macht man dagegen?«
»Man gibt ihm einen Namen.« Er macht eine kurze Pause. »Und dann dankt man ihm – und schickt ihn in die Pause.«
Mary überlegt.
Ihr Streng-dich-an-Antreiber braucht einen Namen. Jemand, der nie zufrieden ist. Für immer getrieben. Mehr Programme. Mehr Wissen. Immer weiter. Der, trotz des äußeren Erfolges, innerlich leer ist, weil nichts reicht. Einer der Erfolg mit Erfüllung verwechselt, auf seiner dopamin-getrieben Zieljagd.
König Salomon, denkt sie. Mein Antreiber heißt Salomon.
Sie stellt ihn sich vor: anfangs weise und noble Absichten, später immer mehr Frauen, Reichtum und Einfluss. Jemand der sein Reich immer weiter ausbaut und darüber den Wertekompass verliert. Denn es gibt genug um den Hunger der Armen, aber nie genug, um die Gier der Reichen zu stillen.
Sie schreibt in ihr Notizbuch: Salomon sagt: Du bist nur so viel wert wie deine letzte Leistung. Wenn du jetzt schläfst, überholen dich die anderen. Salomon lügt.
Dann, darunter:
Erlauber für Salomon: Es darf auch leicht sein.
Sie schaut auf den Satz. Er fühlt sich fremd an. Wie eine Sprache, die sie noch nicht spricht.
Das ist vermutlich normal, denkt sie. Neue Sprachen fühlen sich am Anfang immer hölzern an. Vor allem, wenn es um Werte geht.
An Heiligabend gehen Manfred und Mary in die St- Lorenz-Gemeinde nach München-Oberföhring. Die Kirche ist voll. Kerzenschein. Kinder in Kostümen wuseln durch den Altarraum. Maria ist vielleicht sieben, Josef nicht viel älter. Ein kleiner Hirte trägt einen Stab, der fast größer ist als er selbst. Ein Römer kommt herein: Audite. Audite. Audite. Die Kinder tragen ihre Texte souverän vor und die frohe Botschaft von Glaube, Liebe und Hoffnung kommt ihnen klar und deutlich über die Lippen.
Links neben ihr sitzt Opa Manfred. Mary merkt, dass es ihr hier an nichts mangelt. Der Überfluss ihrer To-do-Listen, der Mangel an Zeit, an Schlaf – alles ist weit weg.
Sie lächelt. Zum ersten Mal seit Wochen. Ohne Anstrengung.
Dann verlässt die Gemeinde die Kirche und versammelt sich draußen im Begegnungsgarten. Die Kerzen flackern vor der Krippe. Jemand stimmt das Lied an: »Stille Nacht, heilige Nacht.«
Opa singt neben ihr. Seine Stimme ist noch so kräftig und klangvoll wie früher, so warm und vertraut. Sie singt mit. Erst leise. Dann lauter. Die Stimmen verschmelzen. Hundert Menschen, die gemeinsam schwingen. Mary spürt Opas Schulter an ihrer. Nimmt den Geruch von Weihrauch und Tannennadeln wahr. Es ist, als hätte jemand ihr einen Becher gereicht und ihn bis zum Rand gefüllt. Nicht mit Glühwein. Mit etwas anderem. Etwas, das sie nicht benennen kann.
Für einen Moment ist Salomon still. Es gibt keinen Leistungsdruck. Keine Note, die sie definiert. Es gibt nur diesen Moment. Diese Verbundenheit. Der Schnee beginnt leise zu rieseln, als Opa ihre Hand nimmt.
»Danke«, sagt er. »Dass du mitgekommen bist.«
Mary schluckt. »Danke, dass du gefragt hast.«
In den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr geht Mary mit Opa durch den verschneiten Englischen Garten, vorbei an den Schafen, Ziegen und Eseln, die auf den Wiesen in St. Emmeram zusammengerückt stehen. Abends macht Opa für Mary Tee. Er kocht. Er fragt nicht nach Noten oder Projekten. Er ist einfach da. Und Mary begreift, was das bedeutet – nicht als Konzept, sondern als Gefühl: Liebe braucht keine großen Gesten. Nur die kleinen. Tag für Tag.
Einmal, beim Schneiden von Brot, bemerkt sie Salomon. Er flüstert: Du solltest das Semester vorbereiten. Du solltest mehr Wetterstationen bauen. Du solltest —
Mary legt das Messer hin.
»Nein danke, Salomon«, sagt sie leise. »Meine Ferien dürfen leicht sein.«
Stunden später steigen die ersten Raketen in der Nachbarschaft auf. Draußen zählt jemand den Countdown an: Zehn. Neun. Acht. Und Mary und Opa stoßen auf das neue Jahr an.










